Viele sprechen davon. Aber was bedeutet Nachhaltigkeit eigentlich für jemanden, der die genetische Vielfalt von Nutzpflanzen schützt? Und was für jemanden, der das Vermögen von Kunden aus aller Welt verwaltet? Wo liegen die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede?  

Was hat das Thema ESG eigentlich zum Mainstream werden lassen?  

Petra Pflaum: Das Thema ESG ist seit Jahren auf dem Vormarsch. Auf der einen Seite ist der Klimawandel mit der steigenden Anzahl von Naturkatastrophen omnipräsent, aber auch neue regulatorische Standards oder globale Initiativen wie das Pariser Klimaabkommen lenken die Aufmerksamkeit auf sich, im privaten Leben wie auch auf den Finanzmärkten.  

Außerdem kommen viele akademische Studien zu dem Ergebnis, dass die Integration von ESG-Faktoren in den Investitionsentscheidungsprozess einen neutralen bis positiven Einfluss auf die Wertentwicklung von Anlageprodukten hat. Das nimmt ein wenig die Angst davor, dass nachhaltige Investments einen Renditenachteil hätten, was viele Investoren bedauerlicherweise immer noch glauben.

Marie Haga: Ich bin mir nicht sicher, ob ESG tatsächlich schon zum Mainstream geworden ist, aber auf jeden Fall ist es auf dem Weg dahin. Denn die meisten von uns haben erkannt, dass die Volkswirtschaften international voneinander abhängen. Die Menschen spüren auch, dass etwas mit dem Klima passiert – zumindest die meisten erkennen das, mit ein paar Ausnahmen. Diese Entwicklung wiederum hat Folgen für die Nahrungsmittelproduktion. Diese Erkenntnisse könnten sich bei den Millennials und der Generation X sogar deutlich schneller verbreiten. Beide sind global denkend aufgewachsen und weit gereist, anders als die Generation der über 50-Jährigen, der ich angehöre. Dazu kommt noch die ganz selbstverständliche Nutzung der sozialen Medien, durch die die Jüngeren ihre Erkenntnisse schnell und weltweit verbreiten. Zumindest mit Blick darauf bin ich optimistisch. 

Pflaum: Stimmt – auch die Gesellschaft wandelt sich stetig und legt heute viel mehr Wert auf Nachhaltigkeit als vor zehn Jahren. Viele Konsumenten wollen wissen, wie ihre Nahrungsmittel hergestellt worden sind, welche möglichen Schadstoffe in bestimmten Produkten enthalten sind und unter welchen Umständen diese produziert wurden. So steigt der Druck auf Unternehmen, sich nicht nur ihre eigene Produktion, sondern die gesamte Wertschöpfungskette anzuschauen. Somit werden beispielsweise auch die Arbeitsbedingungen der Zulieferer genau unter die Lupe genommen. Auch nehmen viele Aktionäre ihre treuhänderischen Rechte heute viel ernster und achten sehr genau darauf, wie Unternehmen hinsichtlich der ESG-Kriterien aufgestellt sind. 

" Es ist Zeit, verantwortungsvolles Investieren voranzutreiben.

Petra Pflaum (CIO Verantwortliche Anlagen, Deutschen Asset Management)

Und wie sieht es in der doch eher konservativen Finanzbranche aus?

Pflaum: In der Fondsindustrie hat sich die Wahrnehmung ESG-relevanter Themen geschärft. Wir sehen heute eine deutlichere Kursreaktion auf negative ESG-Events als früher. Beispielsweise haben sich immer mehr Asset Manager den Prinzipien des nachhaltigen Investierens, den Principles for Responsible Investment, kurz PRI, verpflichtet. Mittlerweile repräsentieren diese Unterzeichner der PRI ein Vermögen von rund 60 Billionen Euro. 

Was kann diese Entwicklung weiter vorantreiben? 

Haga: Wir brauchen globale Führungspersönlichkeiten, die mit diesem Thema weithin sichtbar sind. Sie müssen uns ständig daran erinnern. Das können Politiker sein, Geschäftsleute oder auch Prominente. 

Pflaum: Der Klimawandel beispielsweise treibt diese Entwicklung weiter voran. Darüber hinaus dürfte eine verbesserte Transparenz in der Berichterstattung der Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit für viele Akteure in der Finanzwirtschaft noch greifbarer und berechenbarer machen. Je genauer Fondsgesellschaften den Einfluss von ESG-Faktoren auf die Performance und das Risiko messen können und diese im Rahmen der Portfoliokonstruktion und Berichterstattung berücksichtigen, desto stärker wird die Akzeptanz ausfallen. 

Ist es einfacher geworden, Nachhaltigkeit in Zahlen zu fassen? 

Haga: Auf jeden Fall. Wir haben über diese Themen seit Jahren gesprochen, das zeigt Wirkung. 1987 war das noch anders. In diesem Jahr hatte Gro Harlem Brundtland, damals Vorsitzende der World Commission on Environment and Development, in New York vor der UN mit ihren Gedanken zu „A global agenda for change“ eine Vision skizziert. Ich erinnere mich, dass ich ihr seinerzeit die Tasche getragen habe – und ehrlich gesagt die Tragweite dieser Vision nicht recht verstanden habe. Niemand fand einen Zugang dazu. Das hat sich verändert. 

Pflaum: Das sehe ich genauso. Aufgrund der gestiegenen Berichtsstandards der Unternehmen ist die Qualität der Daten zwar schon deutlich besser geworden, aber es gibt weiterhin viel zu tun. Immerhin ist dank der leichter zugänglichen Informationen von gemeinnützigen Organisationen, Nichtregierungsorganisationen und Marktteilnehmern die Informationsvielfalt schon spürbar gestiegen. Dazu kommt: All diese Daten können heute wesentlich detaillierter aufbereitet, analysiert und standardisiert werden. Beispielsweise können wir mittlerweile viel besser die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wirtschaft abschätzen als noch vor einigen Jahren. Belastbare Daten sind dafür der Schlüssel. 

" Druck auf Regierungen auszuüben, ist wichtig.

Marie Haga, Direktorin (Crop Trust)

Wie würden Sie einem Kind Ihre Arbeit beschreiben?

Haga: Einem Kind? Vielleicht so: Wir achten und schützen die Ernährung von Kindern – und zwar von allen Kindern auf der gesamten Welt. 
Pflaum: Der Spruch „Die Erde gehört uns nicht, wir haben sie von unseren Kindern nur geliehen“ drückt das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung passend aus. Wir versuchen, mit unseren Geldanlagen, Einfluss auf Unternehmen zu nehmen, damit sie mit den knappen natürlichen Ressourcen wie Wasser, Land oder Rohstoffen umsichtig umgehen.

Hört sich gut an. Aber wo setzen Sie konkret den Hebel an?

Pflaum: In meiner Position als Anlagechefin für Verantwortliche Anlagen kann ich dazu beitragen, dass einerseits unsere Analysten und Portfoliomanager ESG-Faktoren noch stärker in den gesamten Entscheidungsprozess integrieren und andererseits unsere Produktpalette stetig erweitert wird. Das kann in maßgeschneiderten Lösungen für unsere institutionellen Kunden münden, aber auch in einem breiteren Angebot von Publikumsfonds, ETFs oder anderen Produkten.
Haga: Druck auf Regierungen auszuüben, ist wichtig. Ich war ja selbst Politikerin, war dreimal Ministerin in Norwegen und kenne das. 

Würde es Sie reizen, für einen Tag den Job Ihres Gegenübers zu machen?

Haga: Liebend gern! Ich würde dann die zehn größten Investoren der Welt zu Diskussionen über das Thema ESG einladen.  
Pflaum: Als Aktienanalystin durfte ich bereits eine Kalimine tief unter der Erde besichtigen, aber einen Tag auf der „Arche Noah des Saatgutes“ verbringen zu dürfen, wäre für mich ganz sicher ein unvergessliches Erlebnis.

ESG

„Environment“, die Umwelt: Dieser Aspekt natürlichen Ressourcen, etwa dem Grundwasser.

„Social“, der soziale Aspekt: Wie behandelt ein seine Mitarbeiter, wie steht es um die Sicherheit am Arbeitsplatz?

„Governance“, das Feld der Unternehmensführung: Welche Maßnahmen bei Fehlverhalten von Managern?

Petra Pflaum

Geld verantwortlich anlegen, das ist stark vereinfacht ausgedrückt die Aufgabe von Petra Pflaum – und zwar für den internationalen Vermögensverwalter Deutsche Asset Management. Seit Beginn des Jahres ist Pflaum dort Chefanlagestrategin für Verantwortliche Anlagen. Nachhaltigkeit fängt für sie schon im Kleinen an: Ihr Haus ist gedämmt, Solarzellen auf dem Dach montiert. Und Äpfel kommen nicht aus Neuseeland, sondern aus einem Anbaugebiet im Taunus bei Frankfurt. 


Marie Haga 

Dreimal war Marie Haga Ministerin in Norwegen. Doch das Amt als Direktorin von Crop Trust könnte ihre wichtigste Aufgabe sein. Dieser Treuhandfonds schützt die genetische Vielfalt von Nutzpflanzen. Denn je größer die Vielfalt, umso einfacher lässt sich die Menschheit ernähren. Für dieses Ziel lagern über 860 000 Saatgutmuster im Global Seed Vault auf Spitzbergen, einer Art natürlichem Kühlschrank. Private Nachhaltigkeit? Haga radelt oder geht zu Fuß zur Arbeit. 

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