Dieser Mann ist nicht leicht zur erreichen: Das Telefoninterview muss Wall-Street-Korrespondent Markus Koch kurzfristig um eine halbe Stunde verschieben. Sein Livestream zur Börseneröffnung hat etwas länger gedauert. Dafür nimmt er sich umso mehr Zeit, um über die Finanzmärkte dies- und jenseits des Atlantiks zu sprechen.

Herr Koch, wie sieht ein üblicher Arbeitstag bei Ihnen aus?

Markus Koch: Um fünf Uhr morgens klingelt der Wecker. Unsere ersten Livestreams auf Youtube und Facebook laufen gegen sieben Uhr. Kurz vor Börsen-eröffnung folgt ein weiterer Livestream. Ab halb zehn stehen n-tv und Handelsblatt auf dem Plan, das geht bis zur Schlussglocke. Alle weiteren Projekte laufen zwischendurch.

Können Amerikaner Geldanlage einfach besser?

Koch: Ganz so einfach ist es nicht. Aber große Unterschiede gibt es tatsächlich. US-Amerikaner sind wesentlich risikobereiter. Das hängt mit der Historie zusammen: Auf dem Boden der Vereinigten Staaten gab es nie Weltkriege, das Land kennt keine Währungsreformen und mit Ausnahme der 30er-Jahre keine Hyperinflation. Das lässt sich gut mit dem Jazz vergleichen. 

Was hat Musik bitteschön mit Geldanlage zu tun?

Koch: Sehr viel! Wir Deutschen haben unsere klassische Musik von Wagner oder Beethoven, die nur minimal variiert wird. Jazz aber bedeutet Freiheit. Man muss ständig improvisieren, also auch mal Risiken eingehen. Miles Davis hat mal gesagt: „Es gibt keine Fehler im Jazz. Aus einer falschen Note kann eine neue Musik werden.“ Jazz ist die amerikanische Seele. Die USA sind Improvisation. Das ist eine ganz andere Mentalität als in Europa oder in Deutschland. Wir Deutschen sind viel risikoaverser.

"Die US-Amerikaner sind die Jazzer unter den Anlegern.

Markus Koch

Momentan geht die Wall Street auf Rekordjagd. Sind die US-Börsen wegen oder trotz Trump so stark?

Koch: Sowohl als auch. Kaum jemand hat mit seinem Sieg bei der Präsidentschaftswahl gerechnet – auch ich nicht. Das war der erste Fehler. Der zweite war die These, dass Trumps Wahlsieg die Märkte einbrechen lassen würde. Die Wall Street hat aber sehr schnell zwischen der polternden Person Trump und seiner Politik unterschieden. Die Politik ist wachstumsorientiert: weniger Regulierung, mehr Infrastrukturinvestitionen, Steuer- und Gesundheitsreform.

Umgesetzt hat er bisher aber wenig. 

Koch: Richtig, aber die Rhetorik hat bei Anlegern verfangen. Hinzu kommt, dass sich das globale Wirtschaftsumfeld aufgehellt hat und die US-Unternehmen wieder mehr Gewinne einfahren. Das wäre übrigens auch ohne Trump so gekommen. Seine Rhetorik war also der Turbo für einen ohnehin gut laufenden Markt. Die Stimmungsindikatoren wie Verbrauchervertrauen oder Einkaufsmanager-Indizes sind durch die Decke gegangen und damit auch der S&P 500.

Die harten Daten wie Autoproduktion oder Wirtschaftswachstum sind aber nicht so schnell gestiegen. 

Koch: Ja, genau da liegt das Risiko. Die Rekordkurse der Wall Street fußen auf viel Hoffnung. Kann sich Trump nicht durchsetzen – und er wirkt ja schon jetzt wie ein Präsident, der die Fäden nicht in der Hand hält –, könnte es haarig werden.

Der Bullenmarkt ist bereits acht Jahre alt. Wie lange geht das noch gut? 

Koch: Nur weil ein Bullenmarkt alt ist, muss er noch lange nicht sterben. Ein irrationaler Markt kann länger irrational bleiben, als ich es mir leisten kann, rational zu denken. 

"Nur weil ein Bullenmarkt alt ist, muss er noch lange nicht sterben.

Markus Koch

Europa oder USA? Wer ist derzeit Ihr Favorit?

Koch: Meiner Meinung nach sind die Risiken in Europa ganz klar geringer als in den USA. Der amerikanische Aktienmarkt macht mittlerweile 53 Prozent der globalen Marktkapitalisierung aus. Aber die US-Wirtschaft steuert nur 25 Prozent zur Weltwirtschaft bei. Der deutsche Aktienmarkt macht nur drei Prozent der globalen Marktkapitalisierung aus, unsere Wirtschaft steht aber für 4,5 Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Dieses Verhältnis ist in den Schwellenländern noch krasser.

Und die politischen Unsicherheiten in Europa sind kein Problem?

Koch: Mit dem Ausgang der Frankreich-Wahl sind die Probleme zwar nicht gelöst, aber vertagt worden. Die Wahl in Deutschland ist eher unkritisch. Weder CDU/CSU noch die SPD wollen den Euro abschaffen. Bliebe noch Italien. Dort muss bis Mai 2018 ein neues Parlament gewählt werden. Unter dem Strich sind die Chancen in Europa größer als an der Wall Street.

Gilt auch in Ihrem privaten Portfolio „Europe first“?

Koch: Ich habe drei Portfolios. Ein eher aktienlastiges für meine Tochter, in das jeden Monat Geld in aktive Fonds und in Indexfonds fließt. Ein Pensionskonto für meine Frau und mich, das defensiver ausgerichtet ist. Und schließlich mein Trading-Portfolio. Dort halte ich zurzeit unter anderem einen Anleihe-Indexfonds und setze auf einen sinkenden Ölpreis. Aber das kann sich morgen schon wieder ändern.

Sie nutzen also neben aktiv gemanagten auch passive Fonds, sogenannte ETFs oder Indexfonds. Warum?

Koch: Ich nutze eine gesunde Mischung aus Fonds und ETFs. Anleger sollten aber nicht vergessen, dass passive Fonds im Grunde antikapitalistisch sind.

Wieso das denn?

Koch: Sie kaufen, egal zu welcher Bewertung und zu welchem Preis. Wenn Sie 100 Dollar in einen Indexfonds stecken, der in den S&P 500 investiert, bekommen Sie die Aktien mit der gleichen Gewichtung wie im Index. Also auch Aktien, die überbewertet sind oder deren Bilanz lausig ist. Ein Fondsmanager dagegen ist Kapitalist. Er sucht nach der größten Opportunität, nach Top-Bilanzen oder Unterbewertungen.

Wo treffen Geld und Leben aufeinander?

Dieser Frage geht der Journalist und Autor am liebsten nach. Schon zu Schulzeiten begeistert er sich für Finanzmärkte. Nach dem Abitur zieht es ihn an den Sehnsuchtsort aller Börsianer: die Wall Street. Zunächst arbeitet er als Broker bei Bear Stearns. 1994 wechselt er die Seiten und macht sich mit der Agentur Wall Street Correspondents selbstständig. Heute offeriert der 46-Jährige in erster Linie Bewegtbild zum Thema Börse und Geldanlage.
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