"Ich bin ernüchtert"

Seit seinem Start vor 30 Jahren hat sich der Dax vervielfacht. Trotzdem fremdeln die Deutschen mit dem Aktienindex. Der Fondsmanager Tim Albrecht erklärt, warum das falsch ist.

Tim Albrecht hofft auf einen entspannteren Umgang der Deutschen mit der Aktie als Anlageform und sieht nicht nur die Politik in der Pflicht. Lesen Sie das Interview aus DER SPIEGEL vom 30.06.2018.

Spiegel: Herr Albrecht, seit seinem Start am 1. Juli 1988 hat der Deutsche Aktienindex Dax mehr Rendite abgeworfen als fast jede andere Anlageklasse: im Schnitt 8,4 Prozent jährlich. Trotzdem sind die Bundesbürger Aktienmuffel. Sind die Deutschen zu blöd, ihr Geld anzulegen?

Tim Albrecht: Nicht blöd, aber risikoscheu, konservativ, skeptisch. Wir Deutsche haben große Verlustängste, begründet durch mehrfache Geldentwertung in unserer Geschichte, das Desaster Neuer Markt, den geplatzten Hype um die Telekom-Aktie um die Jahrtausendwende.

Spiegel: Inflations- und Crasherfahrung haben auch andere Nationen. Was ist typisch deutsch?

Albrecht: Es fängt damit an, dass in der Schule die Themen Wirtschaft und Altersvorsorge nicht oder nicht ausreichend behandelt werden. Dazu kommt, dass die Rente in anderen Ländern kapitalbasiert und nicht umlagefinanziert ist. Die Menschen dort haben deshalb einen unverkrampfteren Zugang zu Aktien.

Spiegel: Es überrascht uns nicht, dass Sie als Aktienfondsmanager das so sagen.

Albrecht: Von mir aus können die Leute auch in passive Indexfonds investieren, von denen ich als aktiver Fondsmanager nichts habe. Wichtiger ist, dass sich die Sache entkrampft und die Anlageform Aktie akzeptiert wird. Aber ich gebe zu: ich bin nach 20 Jahren Aufklärungsarbeit und Gesprächen ernüchtert. Es werden die immer gleichen Vorurteile gepflegt.

Spiegel: Vielleicht schreckt die Leute auch einfach die schwache Performance ab. Zum Dax-Start vor 30 Jahren waren zwölf deutsche Aktienfonds am Start, nur drei - Concentra, Investa, Fondak - haben sich bis heute besser entwickelt als der Index. Sind aktive Fondsmanager wie Sie also eigentlich überflüssig?

Albrecht: Es ist nicht so leicht, den Dax langfristig zu schlagen und darüber hinaus die Managementgebühren zu verdienen. Die Entwicklung ist ein gutes Argument für Investoren zu sagen: ich treffe eine sorgfältige Auswahl und kaufe einen sehr gut gemanagten aktiven Fonds oder eben gleich einen passiven ETF, der den Index abbildet.

Spiegel: Sollte die Politik mehr Anreize setzen, um die Deutschen für Aktien zu begeistern?

Albrecht: Absolut. Es ist ja keine revolutionäre Erkenntnis, dass wir Probleme haben, langfristig die Renten zu finanzieren. Der Staat könnte aktienbasierte Altersvorsorge mit Zuschüssen fördern. Denn eigentlich sind heute die falschen Leute Aktionäre: Ältere und Vermögende. Junge, Ärmere und Menschen aus bildungsfernen Schichten haben kaum Zugang zum Aktienmarkt. Der Gesetzgeber sollte auch darüber nachdenken, Gewinne auf Aktien von jeder Steuer zu befreien, wenn sie 15 Jahre oder länger gehalten werden.

Spiegel: Was ist mit Belegschaftsaktien?

Albrecht: Da bin ich skeptisch, vor allem wegen des Risikos. Man hängt ja schon mit seinem Gehalt am Schicksal seines Arbeitgebers. Wer zusätzlich Aktien seines Unternehmens hält, hat ein Klumpenrisiko. Außerdem funktioniert diese Anlageform ja nur bei Aktiengesellschaften.

Spiegel: Ausländische Investoren halten mehr als 50 Prozent des Dax-Kapitals. Ist das ein Problem?

Albrecht: Ausländer handeln sicher opportunistischer, situationsgetriebener – sie verkaufen ihre Aktien, sobald es sich kurzfristig lohnt. Dabei wäre es wichtig, durch stabile deutsche Ankeraktionäre die Kursschwankungen zu verringern. Es gab ja mal Pläne für einen Deutschlandfonds nach dem Vorbild der norwegischen Ölfonds: Haushaltsüberschüsse werden angelegt, um das Volksvermögen sowie den Anteil deutscher Aktionäre zu erhöhen.

Spiegel: Warum wäre das wichtig?

Albrecht: Iin der Finanzkrise hat sich gezeigt, dass ausländische Investoren viel Kapital in ihre Heimatländer zurückholen, was die Aktienkurse unter Druck setzen kann. Das haben wir 2008 und 2011 gesehen. Zudem macht man es ausländischen Investoren derzeit sehr einfach, strategische Beteiligungen an deutschen Firmen aufzubauen. Die Bundesregierung sollte sich darüber mehr Gedanken machen.

Spiegel: Ist der Dax denn überhaupt noch zeitgemäß? Die Bewertungskriterien für die Aufnahme sind seit eh und je, wie viele Aktien eines Unternehmen gehandelt werden und sein Gesamtwert. Kritiker sagen, dass auch andere Dinge eine Rolle spielen sollten, etwa wie gut ein Unternehmen geführt wird.

Albrecht: Den Dax auf 40 Unternehmen oder ein paar mehr zu vergrößern wäre durchaus sinnvoll, dann fänden mehr Technologie- und Immobilienunternehmen Berücksichtigung, Nebenwerte also, von denen vielleicht mehr Innovationskraft ausgeht, die aber naturgemäß weniger stark an der Börse gehandelt werden. Auch die Gewichtung der Automobilaktien würde dadurch geringer. Aber neue Kriterien? Da sind wir dann schnell im esoterischen Bereich, das ist kaum messbar.

Spiegel: Banken und Versorger haben stark an Bedeutung verloren, Dax-Gründungsmitglieder wie Deutsche Babcock sind sogar komplett verschwunden. Welche Verschiebungen erwarten Sie für die nächsten Jahre?

Albrecht: Das Gewicht der Tech-Aktien wird steigen. Autos stehen ja jetzt schon unter Druck. Kandidaten für einen Aufstieg in den Dax sind etwa Qiagen und Siemens Healthineers. Es gibt zwar kein deutsches Silicon Valley, aber in der zweiten und dritten Reihe tut sich auch in Deutschland sehr viel. Wir neigen dazu, das kleinzureden. Aber beim Thema Industrie 4.0, also der Digitalisierung klassischer Branchen, brauchen wir uns nicht zu verstecken. INTERVIEW: TIM BARTZ

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