Wer in den vergangenen Wochen einen Blick in die Zeitungen und Nachrichtensendungen geworfen hat, wurde von eher unerfreulichen Nachrichten begrüßt. So trübt der Handelskonflikt zwischen den USA und China die Wirtschaftsstimmung. Die Europäische Zentralbank, die Bundesbank und das Ifo-Institut senkten ihre Konjunkturaussichten und die Börsen ließen weltweit Federn. Doch ein genauerer Blick zeigt, dass die Bedingungen für europäische Aktien gar nicht so schlecht sind.

1. Zinswende lässt auf sich warten

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat bei ihrer Sitzung im Juni entschieden, den Leitzins unverändert bei 0,0 Prozent zu belassen. Das Anleihekaufprogramm soll ab September 2018 stückweise abgebaut werden.[1] Eine Zinswende deutet sich an, dürfte aber noch etwas auf sich warten lassen. Ifo-Chef Clemens Fuest erwartet nach der jüngsten EZB-Entscheidung erst steigende Zinsen, wenn die Wirtschaft weiter an Fahrt gewinnt: „Ob im Sommer 2019 die Zinsen erhöht werden können, wird davon abhängen, ob der aktuelle Aufschwung weitergeht.“[2]

2. Der Dollar dürfte stark bleiben

Der Dollar hat in den letzten Monaten deutlich gegenüber dem Euro zugelegt. Nach Einschätzung der Anlagestrategen der DWS dürfte sich die US-Währung in den nächsten zwölf Monaten eher seitwärts bewegen, also ungefähr auf dem Niveau bleiben. [3] Eine Folge: Exportorientierte europäische Unternehmen könnten von einem weiterhin eher schwachen Euro profitieren.

Real immer noch niedrig

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Trotz bereits einiger Zinserhöhungen der US-Notenbank liegen die realen Leitzinsen (reale Fed Funds Rate), also die Leitzinsen abzüglich der Inflationsrate noch immer auf einem sehr niedrigen Niveau.
Quelle: Bloomberg, Deutsche Asset Management, Stand: 14.06.2018

Positive Aussichten für den Export haben das Potenzial, die Wirtschaft der Eurozone und damit auch die europäischen Aktienmärkte anzutreiben. Zudem dürfte die US-Zentralbank die Zinsen weiter erhöhen, um die Inflation anzuschieben und somit den Dollar weiter zu stützen.

3. Konjunktur-Dämpfer: Aber keine Rezession in Sicht

Das Ifo-Institut hat seine Konjunkturprognose für Deutschland zwar heruntergesetzt. Für das laufende Jahr erwarten die Forscher nur noch 1,8 Prozent Wachstum; im Frühjahr 2018 hatten sie noch mit 2,6 Prozent gerechnet.[4] Aber die EZB ist für den Euroraum zumindest mittelfristig weiter optimistisch: „Nach einem schwächeren Start ins Jahr als erwartet, bleibt unsere Erwartung für die wirtschaftliche Expansion der Eurozone solide und mit Aufwärtspotenzial. Das reale Bruttoinlandsprodukt soll von heute 2,1 Prozent im Jahr 2018 bis ins Jahr 2020 mit 1,7 Prozent wachsen.“[5]

Dämpfer in den Konjunkturerwartungen

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Zum ersten Mal seit Juli 2016 gehen mehr Finanzmarktexperten von einer Konjunkturverschlechterung in den kommenden sechs Monaten aus als von einer Konjunkturverbesserung.
Quelle: Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW): Finanzmarktreport, Juli 2018

Der aktuelle Dämpfer der Konjunkturerwartung könnte insbesondere auf die politischen Unsicherheiten in Italien zurückzuführen sein. Im Sommer 2016 gab es bereits ähnliche Dämpfer, bevor die Wirtschaft weiter zulegte. EZB-Chef Mario Draghi betonte, der aktuelle Aufschwung sei mit 21 Quartalen noch kurz. Im Durchschnitt seien es in der Vergangenheit 31 Quartale gewesen.[6]

4. Risikofaktor Italien – was kann Europa drohen?

Die politische Unsicherheit in Italien verunsichert auch die europäischen Aktienmärkte. Die italienische Regierung, bestehend aus der systemkritischen Fünf-Sterne-Bewegung und der rechtsgerichteten Lega, nimmt eine eher europakritische Haltung ein. Dazu erklärte Ifo-Chef Clemens Fuest auf die Frage, ob der Euro ohne Italien funktionieren könnte: „Das würde wahrscheinlich zu einer neuen Finanzkrise führen. Der Euro kann meines Erachtens ohne Italien funktionieren; er wäre allerdings nicht mehr derselbe.“[7]

Trotz der Unruhe ist der sentix Euro Break-up Index, der sich aus einer monatlichen Umfrage unter 1.000 privaten und institutionellen Anlegern errechnet, und eine Einschätzung zur Gefahr eines Auseinanderbrechens der Eurozone bieten soll, leicht von 13,0% auf 12,3% gesunken. „Private Anleger zeigen sich deutlich nervöser als die institutionellen Investoren", kommentiert sentix-Chef Manfred Hübner die veröffentlichten Zahlen. Auch wenn sich die konjunkturellen Vorzeichen in der Eurozone leicht abgeschwächt hätten, scheine sich der gefestigtere Eindruck der Eurozone zu bestätigen, so der Experte.[8]

5. Bewertungen und Gewinnwachstum auf Habenseite

Die Kurse an den europäischen Börsen gaben zuletzt deutlich nach. Neben unsicheren Konjunkturdaten drückte vor allem der Handelsstreit zwischen den USA und China auf die Kurse. Laut dem Wirtschaftsinformationsdienst Bloomberg weist der Stoxx Europe 600, bestehend aus 600 europäischen Aktien, im Durchschnitt ein Verhältnis von Aktienkurs zu Unternehmensgewinn (KGV) von aktuell 15,9 auf und ist damit deutlich niedriger bewertet als der amerikanische Standardwerte-Index S&P500, der auf ein KGV von 20,7 kommt.[9] Und trotz diverser Belastungsfaktoren scheinen die Aussichten für die Gewinnentwicklung europäischer Unternehmen mittelfristig intakt. Die Kapitalmarktexperten der DWS haben ihre Einschätzung für europäische Aktien auf kurze Sicht zwar auf „Neutral“ gesetzt, vor allem wegen der politischen Unsicherheiten. Auf Sicht der nächsten zwölf Monate (Juni 2019) sind sie dagegen moderat positiv gestimmt.[10]

1. Quelle: Europäische Zentralbank, 14. Juni 2018

2. CES ifo-Gruppe München, 14. Juni 2018

3. "Was für den Dollar spricht. Und was gegen ihn; Stand: 28.06.2018"

4. EZB: "Jährliche Inflationsrate im Euroraum", 15. Juni 2018

5. EZB: "Macroeconomic projections for the euro area", Juni 2018

6. Mario Draghi, Rede auf der EZB-Konferenz in Sintra, 19.06.2018

7. Ifo-Präsident Fuest: Interview im Deutschlandfunk zur Lage in Italien, 28. Mai 2018, http://www.deutschlandfunk.de/ifo-praesident-fuest-zur-lage-in-italien-schmerzhafte.694.de.html?dram:article_id=418914

8. Manfred Hübner, Sentix Euro Breakup Index News, 25. Juni 2018

9. Quelle: Bloomberg; Stand: 26. Juni 2018

10. Quelle: DWS CIO View, Investmentampeln; Stand: 02.07.2018

CIO View

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