15. Mai 2019 Aktien

Verkaufe im Mai? Oder bleib besser dabei?

Was steckt hinter der Börsenweisheit „Sell in May and go away?“ Und ist es wirklich klug, im Mai das Depot leer zu räumen?

  • Aktienmärkte werden nicht nur von konjunkturellen Trends und Unternehmensgewinnen, sondern auch von saisonalen Zyklen beeinflusst.
  • Ab Mai, so eine alte Börsenweisheit, brechen eher magere Zeiten an.
  • Auch wenn sich bestimmte saisonale Trends wie das Sommerloch festmachen lassen, sollten Saisonalitäten die Anlageentscheidung nur als ein Einflussfaktor von vielen beeinflussen.
4 Minuten Lesezeit

Die Welt der Börsianer und das Leben außerhalb des Handelssaals driften bisweilen auseinander. Während Landwirte etwa besondere Hoffnungen auf den Mai richten („Mai kühl und nass, füllt dem Bauern Scheun’ und Fass“), fürchten Anleger, dass Blitz und Donner an der Börse ihnen die Ernte verhageln. „Sell in May and go away“ (verkaufe im Mai und geh weg – gemeint ist von der Börse), lautet daher ein altbekannter Rat für Anleger, die einen unbeschwerten Sommer genießen möchten. Allerdings sollten sie auf keinen Fall vergessen, im Herbst wieder einzusteigen: „But remember, come back in September“ (nicht vergessen, im September zurück zu kommen) lautet nämlich der zweite Teil des Spruchs, der zwar weit weniger bekannt ist, ohne den die Regel jedoch nicht vollständig wäre.

August und September häufig besonders schwach

Aber ist es wirklich ein guter Rat, die Börse im Sommer zu meiden? Tatsächlich lässt sich ein Sommerloch an den Börsen statistisch belegen. Egal, ob der deutsche Standardwerteindex Dax, der US-Leitindex S&P 500, der europäische Auswahlindex Stoxx Europe 600 oder das umfassende Börsenbarometer MSCI World: Allen ist gemeinsam, dass ihre Wertentwicklung seit 1980 (Stoxx Europe 600 seit 1987) zwischen Juni und September schlechter ausfällt als zwischen Oktober und Mai. Wer ausschließlich zwischen Juni und September investiert gewesen wäre, hätte beim Dax in den vergangenen fast vier Jahrzehnten sogar Verluste hinnehmen müssen.

"Sell in may and go away ..."

Blickt man allerdings etwas genauer hin, so zeigt sich, dass lediglich die Monate August und September für das schlechte Abschneiden der globalen Aktienmärkte zwischen Juni und September verantwortlich waren. Im Juli hingegen verzeichneten die Börsen im Schnitt sogar überdurchschnittliche Zuwächse.

"... but remember to come back in september"

Saisonale Kursmuster sollten nie das alleinige Kriterium einer Anlageentscheidung sein.

Es gibt immer Ausnahmen von der Regel

Die Frage, ob sich Anleger von saisonalen Faktoren beeinflussen lassen sollten, ist damit aber noch nicht beantwortet. Statistische Betrachtungen der Vergangenheit sind letztlich nur ein Indikator von vielen für die künftige Börsenentwicklung. Ausreißer gehören bei jeder Statistik dazu, und das ist bei der Bestimmung von Saisonalitäten wie dem Sommerloch nicht anders. Ein anderer bekannter Trend, der im Zeitablauf wiederholt, aber nicht immer auftritt, ist die Jahresendrally, bei der die Kurse in den letzten Wochen des Jahres mit schöner Regelmäßigkeit nach oben tendieren.

Die Gründe für solche Saisonalitäten sind vielfältig. Ausschüttungstermine für Dividenden (meist im Frühjahr) können ebenso eine Rolle spielen wie Bilanzstichtage bei Fonds oder steuerliche Vorgaben, die Kapitalbewegungen der Anleger in Gang setzen. Außerdem ist während der Sommerferien an den Börsen tatsächlich weniger los. Der Mangel an kurstreibenden Nachrichten und die schwächere Nachfrage können die Notierungen bröckeln lassen. Zum Jahresende wiederum profitieren die Aktienmärkte gewöhnlich von der guten Vorweihnachtsstimmung, die Anleger in Festtags- und Kauflaune versetzt.

Großwetterlage für Börsenerfolg entscheidend

Doch Vorsicht: Wer im Mai verkauft, sollte nicht vergessen, dass saisonale Kursmuster nichts anderes sind als Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Tendenzen. Die Muster werden in manchen Jahren durch andere Faktoren überlagert und sollten daher bei der Anlageentscheidung nur als ein Einflussfaktor von vielen in Betracht gezogen werden.

Letztlich gilt, dass die Großwetterlage aus Zinsverlauf, Gewinnentwicklung der Unternehmen und konjunkturellen Aussichten langfristig den Kursverlauf an den Börsen bestimmt. Dazu kommt: Je länger ein Anleger an seinem Investment festhält, desto geringer wirken sich kurzfristige Schwankungen auf dessen Wertentwicklung aus.

Gegen einen Ausstieg aus dem Aktienmarkt im Mai spricht auch, dass es selbst für professionelle Investoren eigentlich unmöglich ist, den besten Zeitpunkt für einen Kauf oder einen Verkauf zu bestimmen. Neben saisonalen Mustern aus der Vergangenheit gibt es nun mal eine unübersehbare Masse an weiteren Einflussfaktoren, die für eine fundierte Entscheidung theoretisch berücksichtigt werden müssten. Das Risiko, den falschen Zeitpunkt zu erwischen, ist also erheblich (Warum Timing für Anleger gar nicht so wichtig ist).

Anleger verpassen oft den Zeitpunkt des Wiedereinstiegs

Hinzu kommt die Gefahr, nach einem Verkauf den Wiedereinstieg zu verpassen. Vielen Anlegern fällt es erfahrungsgemäß schwer, Aktien zu kaufen, wenn die Kurse einmal das ursprüngliche Verkaufsniveau überschritten haben. Für viele dürfte somit Beharrlichkeit und Geduld das bessere Erfolgsrezept sein. Zumal zeitweise Kursrückgänge ja auch eine gute Seite haben – bieten sie doch oft gute Gelegenheiten, die Bestände günstig aufzustocken.

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