18. Feb 2021 Nachhaltigkeit

„Nachhaltiges Anlegen – ein Hype? Definitiv nicht“

Im Interview erklärt DWS-Nachhaltigkeitsexperte Robin Braun wie nachhaltiges Anlegen funktioniert, was es für Anleger bringt und worauf man unbedingt achten muss.

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"Mit der zusätzlichen Betrachtung von Nachhaltigkeitsfaktoren bekommt man einen 360-Grad-Blick auf ein Investment."

Robin Braun, DWS-Nachhaltigkeitsexperte, CIO Office for Responsible Investments

Herr Braun, was sagen Sie Menschen, die fragen, ob das mit dem nachhaltigen Anlegen nicht nur ein Hype ist, der sich in ein paar Monaten erledigt hat?

Nachhaltigkeit ist definitiv kein Hype. Nachhaltigkeit ist ein Thema, das uns umgreifend beeinflusst – im täglichen Leben, aber auch bei der Geldanlage. Und es geht dabei nicht nur ums Klima.

Sondern?

Richtig ist: Nachhaltigkeit beginnt mit Umweltthemen wie Biodiversität oder Klimawandel, schließt aber auch Tierwohl, Ernährung und Produktsicherheit ein – und reicht noch viel weiter, bis hin zu Themen wie Einhaltung von Menschenrechten oder Verhalten von Unternehmen in Bezug auf Arbeitsbedingungen, Korruption oder Wettbewerb. Das alles fällt unter den Begriff Nachhaltigkeit, abgekürzt ESG. Das steht im Englischen für „Environmental, Social, Governance“ und bedeutet Umwelt, Soziales und Unternehmensführung.

Aber ist das neu? Und warum ist das für mich als Anleger wichtig?

ESG-spezifische Kriterien haben oftmals einen direkten Einfluss auf die zukünftigen finanziellen Ergebnisse von Staaten und Unternehmen. Das berücksichtigen traditionelle Finanzmarktmodelle nicht mehr hinreichend. Mit der zusätzlichen Betrachtung von Nachhaltigkeitsfaktoren bekommt man einen 360-Grad-Blick auf ein Investment.

Was bringt so ein 360-Grad-Blick?

Portfoliomanager nutzen eine Reihe fundamentaler Kennziffern, um Einsicht in die Chancen und Risiken eines Unternehmens zu erhalten – etwa Umsatz- oder Profitabilitätskennziffern. Mit diesen Daten ist es wie mit der Spitze eines Eisbergs: Sie liegen sichtbar über der Oberfläche.

Und wie bei einem Eisberg gibt es einen – sehr viel größeren – nicht direkt sichtbaren Teil. Das sind die sogenannten nichtfinanziellen Informationen, also die ESG-bezogenen Daten, die zusätzlich wertvolle Einblicke zur wirtschaftlichen Perspektive geben können.

Robin Braun

DWS-Nachhaltigkeitsexperte, CIO Office for Responsible Investments

"Mit dem Nachhaltigkeitsansatz kann man bessere Entscheidungen treffen. Als Anleger will ich ja wissen, wie zukunftsfähig meine Geldanlage ist."

Robin Braun, DWS-Nachhaltigkeitsexperte, CIO Office for Responsible Investments

Sie glauben, dass Investoren nicht allein aus gutem Willen nachhaltig investieren sollten, sondern dass es hier auch um Risikominimierung gehen sollte. Welche Risiken senkt denn Nachhaltigkeit?

Über ESG-bezogene Daten kann man sehen, wie nachhaltig ein Unternehmen oder ein Staat aufgestellt ist. Es geht um Antworten auf Fragen wie: Wie sieht die Klimastrategie aus? Wie wird mit Energie, Wasser und anderen Ressourcen umgegangen? Gibt es Risiken aufgrund des Standorts oder durch den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft – die sogenannten Transitionsrisiken? Gibt es Warnzeichen in Bezug auf die Unternehmensführung?

Dabei ist der Zusammenhang zwischen Risiko und Wertentwicklung bei der Betrachtung von sozialen Faktoren beziehungsweise der Unternehmensführung als Teil von ESG möglicherweise nicht direkt erkennbar. Aber: Es gibt hier vielfältige Belege.

Das heißt, wenn ein Unternehmen nicht umweltfreundlich agiert, kann das schlecht sein für seine wirtschaftliche Perspektive?

Auch hier mal ein Beispiel: 2019 brach auf dem Gelände einer brasilianischen Eisenerzmine der Damm eines Rückhaltebeckens, was eine gewaltige Schlammlawine auslöste. Mehr als 250 Menschen starben, außerdem kam es zu Sach- und Umweltschäden.

Bei dem Bergbaukonzern, dem die Mine gehörte, war es schon einmal zu einem Dammbruch gekommen. Dennoch hatte die Unternehmensführung scheinbar nichts unternommen, um einen weiteren Vorfall zu verhindern. Das Unternehmen erlitt einen finanziellen Verlust, der Aktienkurs büßte innerhalb eines Tages ein Fünftel seines Wertes ein. Dazu kamen der Reputationsschaden und eine ganze Reihe juristischer Verfahren.

Man sieht: Alle genannten Aspekte können enorme finanzielle Auswirkungen für Investoren haben. Und darum ist es wichtig, dass man mithilfe von ESG-Informationen die Risiken und Chancen eines Unternehmens tiefgreifend betrachtet. Mit dem Nachhaltigkeitsansatz kann man bessere Entscheidungen treffen. Als Anleger will ich ja wissen, wie zukunftsfähig meine Geldanlage ist.

Als Anleger will ich auch wissen, welche Produkte ich bekomme. Und da gibt es im Zusammenhang mit nachhaltiger Geldanlage eine Menge Begriffe – die sind fast wie Geheimcodes.

Das stimmt. Die unterschiedlichen Bezeichnungen machen es nicht einfacher, sich im Nachhaltigkeits-Dschungel zurechtzufinden. Am Rande: Dazu haben wir auch eine Videoserie gemacht. Und die DWS bietet eine Menge Informationen zum Thema.

Nicht zuletzt bei nachhaltigen Investments sind die richtigen Information ein wesentlicher Faktor. Allerdings gilt ebenso: Auch beim nachhaltigen Investieren ist eine potenziell höhere Rendite immer mit einem höheren Risiko verbunden.

Wichtiges Thema, die Wertentwicklung. Steht nicht der Mehraufwand für Nachhaltigkeit einer Wertsteigerung entgegen?

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Studien[1], die nachweisen, dass sich die Integration von ESG-Faktoren in allen bedeutenden Anlageklassen wertsteigernd auswirken kann und das Risiko-Ertrags-Profil eines Portfolios verbessern kann. Man schaut sich, wie gesagt, viel mehr Unternehmensdaten an und zieht daraus Rückschlüsse.

88 Prozent der untersuchten Quellen[2] belegen, dass nachhaltige Unternehmen eine bessere operative Leistung aufweisen, was sich in höheren Gewinnmargen von bis zu 12,4 Prozentpunkten niederschlagen kann3. Interessant ist auch: In der Corona-Pandemie haben sich nachhaltige Indizes auf ähnlichem Niveau oder sogar besser als ihre nicht nachhaltigen Pendants entwickelt.

Nachhaltige Indizes im Vergleich mit ihren nicht-nachhaltigen Pendants: USA

Nachhaltige Indizes im Vergleich mit ihren nicht-nachhaltigen Pendants: Europa

Nachhaltige Indizes im Vergleich mit ihren nicht-nachhaltigen Pendants: Japan

Nachhaltige Indizes im Vergleich mit ihren nicht-nachhaltigen Pendants: Schwellenländer

Aber wie findet man die Unternehmen, die wirklich nachhaltig wirtschaften?

Beim nachhaltigen Investieren gibt es ja unterschiedliche Bewertungsstrategien. Es beginnt mit einfachen Ausschlusskriterien, die unter ESG-Gesichtspunkten kritische Sektoren oder Unternehmen aus dem Portfolio aussortieren. Dann sind da werte- oder normbasierte Auswahlverfahren, bei denen überprüft wird, inwiefern Unternehmen sich nach internationalen Normen richten. Es geht bis hin zu Investitionen in Themen, die ausschließlich mit Nachhaltigkeit zu tun haben.

Und es gibt den Best-in-Class-Ansatz. Der ist nicht unumstritten. Hier werden in jeder Branche die Unternehmen ausgewählt, die nach ESG-Kriterien im Vergleich zu ihren Wettbewerbern am besten abschneiden. Es steht nicht im Vordergrund, ob das, was sie produzieren oder anbieten, tatsächlich nachhaltig ist. Es reicht, dass sie nachhaltiger agieren als die Konkurrenz.

Best-in-Class-Verfechter sind der Meinung, dieser Ansatz trage dazu bei, den Nachhaltigkeitsgedanken auch in Branchen zu tragen, die mancher vielleicht eher nicht mit Nachhaltigkeit in Verbindung bringen würde, wie Bergbau oder Ölförderung. Die Logik der Befürworter: Es wird ein Verbesserungswettbewerb im gesamten Wirtschaftszweig angestoßen. Die Kritiker des Ansatzes halten dagegen, dass die nachhaltigsten Unternehmen in einer insgesamt nicht nachhaltigen Branche damit nur einen grünen Anstrich bekommen.

Der Best-in-Class Ansatz sollte daher bei ESG-dezidierten Produkten mit Mindeststandards bzw. einfachen Ausschlusskriterien kombiniert werden, um den Eindruck des „Greenwashings“ zu vermeiden.

"Für die DWS ist Nachhaltigkeit mehr als ein Trend. Nachhaltigkeit ist Bestandteil unserer DNA."

Robin Braun, DWS-Nachhaltigkeitsexperte, CIO Office for Responsible Investments

Was kann ich tun, um wirklich nachhaltig zu investieren?

Ein Problem beim nachhaltigen Investieren ist, dass es bislang keine einheitlichen Standards zur Messung der ESG-Leistungsfähigkeit von Unternehmen gibt. Verschiedene Initiativen arbeiten schon länger daran. Das ist aber keine leichte Aufgabe, weil die sehr unterschiedlichen Aspekte der Nachhaltigkeit einbezogen werden müssen.

Für Anleger ist es sinnvoll, im Fondsprospekt zu recherchieren oder beim Berater nachzufragen, warum sich ein Fonds als nachhaltig bezeichnet. Welche Kriterien und Maßstäbe liegen denn tatsächlich zugrunde? Werden die Ziele und Investmentkriterien klar und konsequent dargestellt? Ist die Bewertung zur Auswahl der Unternehmen in einem Fonds aus mehreren Datenquellen entstanden? Bleiben die Antworten im Ungefähren, ist es meist besser, nach einer Alternative Ausschau zu halten.

Da wir gerade darüber sprechen – welche Rolle spielt denn Nachhaltigkeit bei der DWS?

Möglicherweise wenig überraschend, dass ich das sage, aber für die DWS ist Nachhaltigkeit mehr als ein Trend. Nachhaltigkeit ist Bestandteil unserer DNA. Schon vor über 20 Jahren haben wir aktiv an Hauptversammlungen teilgenommen und seitdem kontinuierlich unsere Corporate-Governance-Leitlinien ausgebaut, wir haben unseren Nachhaltigkeitsansatz mit fundiertem Datenmanagement unterlegt, ESG-Kriterien in unsere strategische Markteinschätzung integriert und unsere Produktpalette kontinuierlich erweitert. Heute bietet die DWS in allen Anlagesegmenten – aktive, passive, alternative Investments – ESG-Produkte an.

Und: Die DWS ist auch als Vertreterin ihrer Anleger aktiv. Unternehmen, in die wir im Auftrag unserer Kunden investieren, sollen Nachhaltigkeit ernst nehmen. Wenn es bei Firmen mit Aufholbedarf nach mehrfachen Gesprächen – sogenannten Engagements - keinen spürbaren Fortschritt gibt, dann werden wir sie aus unserem Investmentuniversum ausschließen.

Wir sehen es außerdem als unseren Auftrag an, den Weg zu einer CO2-freien Wirtschaft zu ebnen. Die DWS ist Mitglied der „Net Zero Emission Goal“-Initiative der Institutional Investors Group on Climate Change (IIGCC). Damit verpflichten wir uns zur Klimaneutralität im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen. Das wird natürlich nicht über Nacht passieren – wichtig ist, denke ich, dass man sich als Unternehmen auf den Weg macht. Der ist, zugegeben, nicht einfach. Aber er muss begangen werden.

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