21. Aug 2019 Aktien

Sinkende Aktie = fallendes Messer?

Was ist dran an der Börsenweisheit „Never catch a falling knife“ – greife niemals in ein fallendes Messer? Ein Realitätscheck.

  • Die Empfehlung „niemals in ein fallendes Messer“ zu greifen, warnt Anleger davor eine Aktie zu kaufen, deren Preis gerade stark fällt.
  • Der Kerngedanke dabei: es ist schwierig zu sagen, ob und wann eine Aktie ihren Sinkflug beenden wird und ihr Kurs wieder nachhaltig steigt.
  • Darum ist das Verlustrisiko für Anleger, die auf solche Titel setzen, vergleichsweise hoch – es sei denn, eine fundierte Analyse filtert die Aktien heraus, die eine Kehrwende schaffen.
3 Minuten Lesezeit

Börsenweisheiten im Check

Stellen Sie sich ein fallendes Messer vor. Was würden Sie Ihren Mitmenschen raten? Am ehesten doch wohl: „Lass das Messer erst einmal auf den Boden fallen. Danach kannst du es behutsam aufheben, ohne dich zu schneiden.“

Es lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen, wann eine fallende Aktie ihren Boden erreicht hat, also ihr Kurs wieder nachhaltig nach oben drehen könnte.

Auf den großen Fall einer Aktie folgt nicht immer ein steiler Anstieg

„Never catch a falling knife“ – zu Deutsch: „Greife nie in ein fallendes Messer“ – hat sich denn auch als Börsenweisheit unter Anlegern etabliert. Mit dem fallenden Messer ist eine Aktie gemeint, deren Kurs abstürzt. Die Schnittwunde, die beim Zugreifen, also beim Kauf riskiert wird, steht für das Verlustrisiko.

Die Krux ist dabei der Boden. Fällt ein Messer in der Küche, ist er klar zu erkennen. Am Aktienmarkt ist das schwieriger. Niemand kann mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, wann eine Aktie den Boden, also ihren vorläufigen Tiefpunkt, erreicht hat und so ihr Kurs wieder nach oben drehen könnte. Genau das wäre aber entscheidend, damit die Rechnung für den Anleger aufgeht, der in fallende Aktientitel einsteigt.

Dafür den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, ist also schwierig. Denn oft geht es für eine Aktie nach dem ersten Fall nicht sofort wieder nach oben – und nach einem Stopp – sogar nochmal weiter abwärts. Und häufig sind die Probleme in solchen Firmen hartnäckiger als vermutet. Beginnt etwa der Börsensinkflug aufgrund schwacher Innovationskraft, mag ein Unternehmen seine alte Stärke lange oder auch nie mehr zurückgewinnen.

Es gibt dafür Beispiele – etwa ein bekanntes US-Internetunternehmen, das einmal als Vorreiter bei Suchmaschinen galt oder ein Handy-Hersteller, der den Einstieg ins Smartphone-Geschäft verpasst hat. Manchmal sorgen auch politische Entscheidungen dafür, dass Börsenwerte langfristig unter dem Niveau verharren, das sie einmal erreicht hatten. Denken wir etwa an die Energiewende, die den einen oder anderen Versorger am Kapitalmarkt arg in Bedrängnis brachte. Weil die Aktien über viele Jahre als vergleichsweise defensiv und auch noch als dividendenstark galten, war es für zahlreiche Anleger kaum vorstellbar, dass sie ihre Kursverluste nicht einfach wieder wettmachen können.

Haben Sie schon einmal nach einer fallenden Aktie gegriffen und es hinterher bereut?

Die Versuchung ins fallende Messer zu greifen, ist bei Börsenlieblingen groß

Fondsprofis wissen um dieses Dilemma. Gerade bei Börsenlieblingen erwarten Investoren oft, dass die Aktie früher oder später wieder auf altes Kursniveau zurückkehrt. Hinzu komme, dass sich nach einem Kursrutsch oft kräftige Gegenbewegungen beobachten ließen. Das wiederum bestärkt viele Anleger in der Einschätzung, dass die Trendwende eingeleitet ist. „Leider sind derartige Ausschläge häufig aber nur Verschnaufpausen vor abermaligen Kursverlusten“, warnt Klaus Kaldemorgen, einer der erfahrensten Fondsmanager Deutschlands.[1]


Zur Kolumne von Klaus Kaldemorgen


Natürlich gibt es aber auch Unternehmen, die die Trendumkehr tatsächlich schaffen. Sogenannte Turnaround-Aktien stürzen häufig erst schwer an der Börse ab und kehren dann fulminant zurück. Und es sind offenbar gerade solche Aktien, die für die allgemeine Neigung mancher Investoren sorgen, immer wieder ins fallende Messer zu greifen.

Anleger sollten eine Aktie niemals nur deshalb kaufen, weil der Kurs stark gefallen ist.

Vor dem Griff ins fallende Messer sollte die ausführliche Analyse stehen  

„Grundsätzlich sollte ein fallender Preis nie das alleinige Kaufargument für eine Aktie sein“, sagt Fondsmanager Klaus Kaldemorgen. Wer dennoch eine Schnittverletzung für eine vermutete Gewinnchance riskieren wolle, der sollte zumindest die Hintergründe für den Kursrückgang ganz genau klären.

Wenn eine Aktie fällt, gibt es natürlich Gründe dafür. Ihr Kurs kann zum Beispiel in den Keller rauschen, wenn das Unternehmen sinkende Gewinne melden muss oder wenn es von einem Skandal erschüttert wird. Statt blindlinks zuzugreifen, sollten Anleger erst einmal sorgfältig analysieren: Wie stehen die Aussichten, dass die Firma bald wieder Gewinne einfährt? Oder wann kann das Unternehmen den Skandal abhaken und die Stimmung wieder nachhaltig positiv drehen?

Als Anleger in solche „gefallene Engel“ einzusteigen,[2] habe sich etwa nach dem Platzen der Dotcom-Blase um das Jahr 2000 gelohnt, so Kaldemorgen: „Wer sich geduldete, bis sich der Staub gelegt hatte, und dann sauber zwischen fundamental schlechten Unternehmen und bloßen Opfern der miesen Stimmung unterschied, der konnte ein Vermögen machen. Ganz nach dem Prinzip: „Qualität setzt sich durch.“[1] Nicht jedes fallende Messer birgt am Aktienmarkt also auch gleich das Risiko, langfristig Wunden lecken zu müssen. Aber die Gefahr ist ohne ausreichende Analyse doch recht hoch.

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1. https://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/expertenrat/kaldemorgen/expertenrat-klaus-kaldemorgen-wer-an-der-boerse-nach-gefallenen-engeln-greift-holt-sich-vor-allem-blutige-finger/23184704.html?ticket=ST-202133-XUHCpnhO7asuxQy9G7PP-ap6

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