28. Sep 2020 Zinsanlagen

Demografie drückt Zins

Zinsen nahe null Prozent: Allein eine Folge der lockeren Notenbankpolitik? Nicht unbedingt: Was darauf hindeutet, dass auch der demografische Wandel nicht ganz unbeteiligt ist.

  • Seit den 1980er-Jahren zeigt der Zinstrend in den Industrienationen tendenziell abwärts.
  • Ein wichtiger Grund neben den Zentralbank-Aktionen ist die zunehmende Alterung der Bevölkerung.
  • Ein Vermögensaufbau auf Basis von Staatsanleihen scheint kaum mehr möglich: Anleger sollten auf Alternativen ausweichen.
4 Minuten Lesezeit

Die Daten sprechen eine klare Sprache: Seit März 2016 liegt der offizielle Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) bei null Prozent.[1] Was als Reaktion auf die Finanzkrise von 2008 und die anschließenden Probleme des Euroraums gedacht war, geht spätestens seit Ausbruch der Corona-Pandemie in die Verlängerung – einmal mehr. Diesen Kurs will die EZB fortsetzen, bis sich die Inflationsaussichten für den Euroraum „deutlich einem Niveau annähern, das hinreichend nahe, aber unter zwei Prozent liegt“[2]. Das dürfte noch dauern.

Wie sorgen Sie hauptsächlich fürs Alter vor?

Für Anleger bedeutet diese Zinspolitik unter anderem, dass sie bei deutschen Staatsanleihen zurzeit keine Rendite erwarten dürfen. Diese rutschte für zehnjährige Papiere im Januar 2016 ins Negative und verharrt nach zwischenzeitlicher leichter Erholung seit Anfang 2019 wieder unterhalb der Nulllinie. Die Anleihekäufe der Zentralbank spielen dabei ebenso eine Rolle wie Investoren auf der Suche nach Sicherheit. Denn eine hohe Nachfrage lässt die Preise der gesuchten Papiere steigen, was im Umkehrschluss zu niedrigeren und auch potenziell negativen Renditen führt.

Demografischer Wandel belastet

Diese sind allerdings nicht allein der EZB und ihren Versuchen, die Konjunktur im Euroraum zu stützen, geschuldet. Tendenziell sind die Renditen festverzinslicher Wertpapiere, die von Staaten mit guter Bonität ausgegeben wurden, bereits seit den frühen 1980er-Jahren im Sinkflug. Einerseits hat das mit dem Abflauen der damals grassierenden Inflation zu tun. Dies führte dazu, dass die Leitzinsen vielfach gesenkt werden konnten. Andererseits spielen die Inflationserwartungen eine große Rolle bei der Preisbildung am Anleihemarkt – und damit letztlich auch für die Renditen der Papiere: Diese erhöht sich in der Regel, wenn die Teuerung anzieht.

Doch gibt es auch andere Faktoren für das insgesamt gesunkene Zinsniveau? Notenbanken und Wirtschaftswissenschaftler sind dem Phänomen bereits seit geraumer Zeit auf der Spur. Und sie haben einen Trend ausgemacht, der eine zusätzliche Belastung für die Zinslandschaft darstellen könnte: der demografische Wandel. Die Alterung der Gesellschaften, vor allem in den Industriestaaten, oftmals begleitet von einem nachlassenden Wachstum der Bevölkerungszahl – oder gar deren Abnahme.

Globale Sparflut?

Ob die These belastbar ist, damit haben sich in den vergangenen Jahren zwei größere Studien befasst, die von der EZB[3] und vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW)[4] in Köln veröffentlicht worden sind. Die wissenschaftlichen Arbeiten verfolgen etwas andere Ansätze, kommen aber zu ähnlichen Schlüssen. Die IW-Untersuchung etwa findet den vermuteten Trend bestätigt und stellt fest, dass es sich beim beharrlichen Zinstief eben nicht um einen herkömmlichen Zinszyklus handelt, wie er aus der Geldtheorie bekannt ist.[5]

Die Kölner Wirtschaftsforscher thematisieren vor allem drei Theorien[6], die das erkannte Phänomen erklären könnten.

Die Theorie von der globalen Sparflut geht davon aus, dass seit Längerem weltweit mehr Kapital angespart wird, als Unternehmen investieren. Als einen Auslöser sieht zum Beispiel der frühere Chef der US-Notenbank Fed, Ben Bernanke, vermehrte Sparanstrengungen angesichts der steigenden Lebenserwartung einer alternden Bevölkerung: das größere Finanzpolster als Folge der erwarteten längeren Rentenphase. Weil das Angebot an Kapital somit die Nachfrage übersteige, sei der Preis des Geldes – der Zins – tendenziell niedriger als in der Vergangenheit.

Auch die Theorie vom demografischen Wandel sieht aus diesem Grund eine Sparsumme, die insgesamt schneller zulegen dürfte als der globale Kapitalstock – mit demselben Effekt auf den Zins. Hintergrund sei das weltweit nachlassende Bevölkerungswachstum[7], das den Investitionsbedarf verringere. Ergänzend hat unter anderem Ex-Weltbankchef Larry Summers die Theorie von der langfristigen Stagnation („Secular Stagnation“) entwickelt, wonach neben der sich weltweit abschwächenden Bevölkerungszunahme unter anderem relativ gesehen günstigere Investitionsgüter das Zinsniveau nachhaltig drücken sollten.

Europas Bevölkerung schrumpft

Der vermutete Einfluss des Faktors Demografie dürfte in Zukunft nicht abnehmen, im Gegenteil: Die jüngste Schätzung der Vereinten Nationen geht davon aus, dass die Bevölkerung Europas zwischen 2017 und 2100 von 742 auf 653 Millionen Menschen schrumpfen wird.[7] Ab Mitte dieses Jahrhunderts soll sich der Zuwachs an Menschen laut UN-Prognose aber auch in vielen anderen Großregionen spürbar verlangsamen.

Die IW-Forscher erwarten, dass die Demografie einen spürbaren und bleibenden Einfluss auf das Zinsniveau ausüben dürfte. Dieses werde daher dauerhaft niedriger bleiben, als es bis Ende der 1980er-Jahre war. Sie sagen mithilfe eines mathematischen Modells vorher, dass sich zum Beispiel in Deutschland der reale Zins von –0,4 Prozent im Jahr 2016 bis 2035 nur auf +0,5 Prozent erhöhen wird, um dann bis 2050 wieder auf die Nulllinie zurückzufallen.[8]

Alternative zu Staatsanleihen

Wissenschaftlich gesehen spricht also vieles dafür, dass es sich beim Zinstief vor allem in den entwickelten Industrienationen nicht um ein vorübergehendes Phänomen handelt, sondern um ein strukturelles. Anstiege von den aktuellen Tiefständen aus sind damit nicht ausgeschlossen – einstige Höhen dürfte das Zinsniveau insgesamt aber kaum mehr erreichen.

Was heißt das für Sparer? Anleger, die auf eine Erholung der Renditen warten und darauf setzen, vielleicht in Zukunft über Staatsanleihen mit Investment Grade einen nachhaltigen Vermögensaufbau erzielen zu können, dürften sich also täuschen. Das gilt insbesondere für junge Sparer, die sich bei solchen Papieren nicht mehr auf einen wirkungsvollen Zinseszinseffekt verlassen können, um etwa privat fürs Alter vorzusorgen. Aber: Es gibt weiterhin Alternativen, die höhere Renditen in Aussicht stellen. Dafür müssen Anleger jedoch stärker ins Risiko gehen und zum Beispiel in Festverzinsliche aus Schwellenländern oder in Unternehmensanleihen investieren. Auch Aktienfonds mit diversen Schwerpunkten und Risikoprofilen können eine gute Wahl sein.

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1. Quelle: https://leitzinsen.info

2. Quelle: https://www.ecb.europa.eu/press/pr/date/2020/html/ecb.mp200716~fc5fbe06d9.de.html

3. Quelle: https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/scpwps/ecb.wp2258~32d1cdba97.en.pdf, Stand: März 2019

4. Quelle: https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Report/PDF/2018/IW-Report_2018-47_Declining_Real_Interest_Rates.pdf, Stand: 28.11.2018

5. Quelle: https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Report/PDF/2018/IW-Report_2018-47_Declining_Real_Interest_Rates.pdf, S. 25, Stand: 28.11.2018

6. Quelle: https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Report/PDF/2018/IW-Report_2018-47_Declining_Real_Interest_Rates.pdf, S. 5–7, Stand: 28.11.2018

7. Quelle: https://population.un.org/wpp/Publications/Files/WPP2017_KeyFindings.pdf, S. 7, Stand: 2017

8. Quelle: https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Report/PDF/2018/IW-Report_2018-47_Declining_Real_Interest_Rates.pdf, S. 24–25, Stand: 28.11.2018

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