25. Jun 2020 Aktien

Coronakrise: Wer soll das bezahlen?

Die Hilfspakete, die im Zusammenhang mit der Coronakrise verabschiedet wurden, sind notwendig, in ihrer Höhe aber beispiellos. In einer Analyse hat der Chefvolkswirt Europa der DWS, Martin Moryson, untersucht, wer letztlich die Lasten tragen könnte.

  • Die mutigen, aktuell notwendigen Rettungspakete lassen die Staatsschulden dramatisch ansteigen. Zurückführen lassen sie sich nur über Wachstum, Inflation und künftige Haushaltsüberschüsse.
  • Sollte es mittelfristig zu einer deutlich höheren Inflation kommen, dürften die Zentralbanken dies wohl billigend in Kauf nehmen.
  • Auch Steuerhöhungen könnten ein Mittel sein, um die Staatseinnahmen zu steigern und somit die Schuldenlast zu reduzieren.
Lesezeit 4 Minuten

Die Lockdown-Maßnahmen, die die Staaten ergriffen haben, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, haben die schwerste Rezession der Nachkriegsgeschichte ausgelöst. Um zu verhindern, dass die Wirtschaft aus einer schweren, aber „normalen“ Rezession in den Abwärtsstrudel einer Depression gerät, werden derzeit überall auf der Welt milliardenschwere Fiskalpakete verabschiedet. Diese Pakete sind zweifelsohne in der aktuellen Lage unvermeidbar, analysiert Martin Moryson, Chefvolkswirt Europa der DWS. Allerdings sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass sie langfristig keine schweren Nebenwirkungen entfalten können.

Die Nachhaltigkeitsfrage, oder: Wer soll das eigentlich alles bezahlen?

Die Verschuldung werde weltweit in Höhen steigen, wie wir sie seit dem zweiten Weltkrieg nicht gesehen haben. Diese Staatsschulden werden Konsumenten und Unternehmen in der einen oder anderen Form abbauen müssen. Wie kann das funktionieren?

Es gibt laut Moryson nur vier Möglichkeiten die Schulden zurückzuführen bzw. handhabbar zu machen:

  1. Wachstum
  2. Inflation
  3. Primärüberschüsse
  4. Schuldenschnitte

Schuldenschnitte wolle man auf jeden Fall vermeiden, da sie mit unabsehbaren realwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgekosten verbunden sind. Es bleiben also nur drei Wege übrig.

1. Der elegante Weg: Wachstum

Der schmerzloseste Weg aus der Schuldenfalle führt sicherlich über reales Wachstum. Je schneller das reale Bruttoinlandsprodukt steigt, desto schneller schmilzt der relative Schuldenberg.

Das Problem: Das Realwachstum wird im Westen durch die demografische Entwicklung belastet. Auch die Produktivitätsentwicklung ist seit Jahrzehnten schwach und die Corona-Pandemie dürfte diese Entwicklung noch verstärken. Verstärkter Protektionismus, Reduktion der just-in-time-Produktion zugunsten höherer Lagerbestände etc. dürften allesamt das Produktivitätswachstum beschränken.

DWS-Einschätzung:

Für die USA mag ein Abbau der Schuldenquote über Realwachstum noch halbwegs realistisch erscheinen. Schließlich lag das durchschnittliche reale Wachstum seit der Finanzkrise – auch dank einer etwas positiveren demografischen Entwicklung – knapp einen Prozentpunkt über dem der Eurozone oder Japans. Für Europa sind die Aussichten allerdings wesentlich ungünstiger.

„Die Zentralbanken würden eine höhere Inflation wohl billigend in Kauf nehmen“

2. Der teure Weg: Inflation

Die Staatsschuldenquote sinkt auch, wenn die Realzinsen kleiner sind als das Realwachstum. Tatsächlich sinken die Realzinsen global. Früher, weil die Inflationsraten hoch waren; in den letzten Jahren, weil die Nominalzinsen immer weiter sanken.

Wie sehen die weiteren Aussichten für den Realzins aus? Moryson widmet sich erst einmal dem vieldiskutierten Thema Inflation. Ob die Coronakrise langfristig die Inflation eher treiben oder bremsen wird, sei keineswegs ausgemacht. Auf der einen Seite sollten Angebotsrestriktionen, Antiglobalisierung, das Einkürzen globaler Lieferketten und andere Produktivitätshemmnisse eher inflationstreibend sein. Auf der anderen Seite dürften die hohe Arbeitslosigkeit und die Unterauslastung der Produktionskapazitäten die Inflation auf Jahre in Schach halten.

Zentralbanken würden höhere Inflation wohl in Kauf nehmen

Wie sich die Inflation entwickeln werde, könne man derzeit noch nicht abschließend einschätzen, so Moryson. Allerdings könne man fest davon ausgehen, dass die Zentralbanken bei einem Übergewicht der inflationären Tendenzen wenig gegen diese unternehmen würden. Schließlich helfe eine hohe Inflation, die öffentlichen Schulden zu reduzieren. Die hohe Staatsverschuldung schränke den Handelsspielraum der Zentralbanken ein. Interessant sei in diesem Zusammenhang, dass der Staat seine starke Position gegenüber den Zentralbanken gerade wegen und nicht trotz seiner hohen Verschuldung erlange. Die Nominalzinsen dürften also auf lange Sicht niedrig bleiben, folgert der DWS-Experte.

Einschätzung der DWS:

Der Weg über hohe Inflationsraten wird vielleicht den USA offenstehen, nicht jedoch der Eurozone oder Japan. Die Inflation war schon vor der Krise schlapp. Daran dürfte sich so schnell nichts ändern. Die Versuche der Europäischen Zentralbank und der Bank of Japan, die Inflationsrate in die Nähe von zwei Prozent zu hieven, sind allesamt gescheitert.

3. Der harte Weg: Primärüberschüsse

Als letztes Mittel bleibt, die Ausgaben zu senken oder die Steuern zu erhöhen und damit sogenannte Primärüberschüsse zu erzielen. Nicht nur der notorische „Sparweltmeister“ Deutschland hat über viele Jahre hinweg Einnahmeüberschüsse erzielt. Auch Italien und Griechenland wiesen über Jahre positive Primärsalden auf. Dies war in weiten Teilen durch Ausgabenkürzungen erreicht worden. Ob die Eurozone in Zukunft den gleichen Weg gehen wird, sei alles andere als sicher, meint DWS-Experte Moryson. Schließlich habe die oft als Austerität (strenge Sparpolitik) verschriene Haushaltsdisziplin keinen guten Leumund und zu enormem politischen Schaden geführt.

Einschätzung der DWS:

Es ist davon auszugehen, dass der Teil der hohen Neuverschuldung, der sich nicht „weginflationieren“ lässt, über Steuererhöhungen finanziert werden wird. Das gilt zumindest für die Eurozone. Steuererhöhungen können ein Ausdrucksmittel dafür sein, dass der Staat – auch nach der Krise – seine gewonnene Bedeutung beibehalten will.

„Die hohe Neuverschuldung macht Steuererhöhungen wahrscheinlich“

Mögliche Konsequenzen für Kapitalanlagen

Sollte es zu einer höheren Inflation kommen, dürften Realanlagen, etwa Immobilien oder Aktien, gegenüber Anleihen perspektivisch besser abschneiden. Das wäre auch dann der Fall, wenn – wie nach der Finanzkrise – die Inflation sich nicht in der Realwirtschaft, sondern nur in den Vermögenspreisen niederschlagen sollte.

Richtig anlegen in Corona-Zeiten

06. Jul 2020 Marktausblick

Marktausblick

Die Einschätzung der DWS zu den Kapitalmärkten | Juli 2020

22. Jun 2020 Fondssparen

5 Gründe fürs Fondssparen

Hohe Bewertungen, drohende Kursverluste – es gibt 1000 Gründe, sein Geld nicht an den Kapitalmärkten anzulegen. Und 1001 Gründe, die dafür sprechen. Beispielsweise mit Fondssparplänen.

08. Jun 2020 Aktien

„90 Prozent der Unternehmen im Fonds sollten Dividenden zahlen“

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie schmälern die Gewinne der Unternehmen – und das rund um den Globus. Warum Dividendenstrategien für Anleger trotzdem attraktiv sein können und weshalb das Thema Nachhaltigkeit in Coronazeiten sogar neuen Schub bekommen könnte: Martin Berberich, Fondsmanager des DWS Invest ESG Equity Income, hat die Antwort.

CIO View

Cookies policy:

Diese Website verwendet Cookies zur Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit. Wenn Sie dieses Feld schließen oder die Nutzung fortsetzen, gehen wir davon aus, dass Sie damit einverstanden sind. Weitere Informationen zu den von uns verwendeten Cookies oder darüber, wie Sie Cookies deaktivieren können, finden Sie in unserem Cookie-Hinweis.
Alle Cookies akzeptieren