13. Aug 2019 Altersvorsorge Neu

Erfolgreiches Sparen braucht die linke Hirnhälfte

Altersvorsorge-Experte Olaf Stotz über die Gründe für das Niedrigzinssparen der Deutschen und geeignete Wege, aus dem Renditetal herauszukommen.

  • Die Deutschen setzen nach wie vor auf renditearme Vorsorge – mit fatalen Folgen vor allem für die jüngere Sparer-Generation
  • Umschalten nötig: von vermeintlicher Sicherheit auf Ertragsorientierung
  • Aktiensparen war in der Vergangenheit laut Altersvorsorge-Experte langfristig die risikoärmste und renditestärkste Kapitalanlage
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Trotz extrem niedriger Zinsen halten hierzulande viele am Sparbuch und anderen Null- oder Niedrigzinsprodukten fest. Neue Studien erklären das damit, dass elterliche Vorbilder auch bei der Kapitalanlage von den Kindern übernommen werden. Ein schlüssiger Ansatz?

Olaf Stotz: Ich denke schon. Menschen lernen durch Imitation. Das sieht man bei kleinen Kindern, die anfangen zu sprechen. Sie plappern erst einmal das nach, was die Eltern sagen – ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Das Sprachverständnis und der individuelle Gebrauch setzen dann mit dem weiteren Erlernen ein. Auch das Anlageverhalten wird imitiert – nur oft nicht mit einem Erkenntnisfortschritt, den man sich wünschen würde. Das hat auch damit zu tun, dass hier oft nur ein Teil des Gehirns aktiviert wird.

"Der Staat könnte die Anlagekompetenz erhöhen, indem er jedem Kind von Geburt auf ein Vorsorgekonto monatlich 10 Euro in einen Aktiensparplan einzahlt."

Olaf Stotz, Professor für Asset Management und Pension Economics an der Frankfurt School of Finance & Management

Was meinen Sie damit genau?

Für das quantitative Denken kommt die linke Hirnhälfte zum Einsatz, die rechte Hirnhälfte steuert das intuitive Denken. Quantitatives Denken ist anstrengend, darum tendieren viele Menschen auch beim Sparen zur intuitiven Entscheidung. Insbesondere, wenn sie hierbei das Einschalten der linken Hirnhälfte nicht geübt haben – die brauchen wir aber für eine erfolgreiche Sparstrategie. Insofern ist es auch wenig verwunderlich, dass ein differenziertes Kapitalanlageverhalten oft mit einer höheren Bildung einhergeht.

Geht also der Auftrag an die Schulen, die Sparkompetenz zu fördern?

Damit das Hirn sein volles Potenzial nicht zuletzt für die Entwicklung einer passenden Altersvorsorgestrategie ausschöpfen kann, wären die Schulen sicherlich gefordert. Dazu braucht es meines Erachtens aber kein eigenes Fach Finanzbildung, wie es hier und da verlangt wird. Über ein vernetztes Denken in den bestehenden Fächern wie Mathematik oder Gemeinschaftskunde könnte auch die Anlagekompetenz ausgebildet werden. Der Staat könnte die Anlagekompetenz auch einfach dadurch erhöhen, indem er beispielsweise jedem Kind von Geburt auf ein Vorsorgekonto monatlich 10 Euro in einen Aktiensparplan einzahlt. Imitiert das Kind die Anlage während seines Berufslebens und erhöht möglicherweise den Betrag, wäre das Altersvorsorgeproblem gelöst.

Zurück zur Eingangsfrage: Welche langfristigen volkswirtschaftlichen Folgen drohen durch das Sparen mit renditearmen Produkten?

Wenn viele Menschen renditearm sparen, findet weniger Wertschöpfung und Vermögensbildung statt. Klar ist: Der Mensch nimmt vorrangig die kurzfristigen Risiken wahr – etwa bei Aktien in erster Linie die Schwankungsrisiken. Auf lange Sicht nivellieren sich diese Kursschwankungen aber, und Aktien bieten ein vergleichsweise hohes Renditepotenzial. Die Schwankungen haben sogar etwas Positives, weil man bei sinkenden Kursen mehr Aktien kaufen kann. Das ist wie an der Tankstelle, wenn der Sprit günstig ist: dann zahlen Sie für einen vollen Tank weniger. Nur vergleichsweise wenige kundige Investoren sind bereit, diese kurzfristig höheren Risiken zu tragen, nutzen das Potenzial von Realkapital wie Aktien und profitieren von den dort erzielbaren höheren Renditen. In der Folge wird in einer Volkswirtschaft die Schere zwischen Armen und Reichen immer größer.


Und das Sicherheits- und Garantiedenken bei der Geldanlage dürfte insbesondere für die jüngeren Deutschen negative Konsequenzen haben.

Stotz: Das stimmt. In den 80er- und 90er-Jahren lagen beispielsweise die Zinsen von Bundesanleihen deutlich über 5 %. Gegenwärtig zahlen Sie hier teils sogar drauf. Die jüngere Generation hat darüber hinaus aufgebürdet bekommen, angesichts einer sinkenden gesetzlichen Rente für die Altersvorsorge zu einem größeren Teil selbst verantwortlich zu sein. Da führt kein Weg um rentierlichere Anlagen herum. 

Olaf Stotz

Professor für Asset Management und Pension Economics an der Frankfurt School of Finance & Management

Wie sorgen Sie privat für das Alter vor?

Mit einem Wort: um Aktien?

Ja. Ein 20-Jähriger, der voraussichtlich bis zum 70. Lebensjahr arbeiten muss, hat einen Ansparhorizont von 50 Jahren. Und er kann sich an dem, was 50-jährige Sparpläne in der Vergangenheit erwirtschaftet haben, gut orientieren. Studien aus den USA zeigen: Für einen so langen Zeitraum ist die risikoärmste und rentabelste Anlage die Aktie. Selbst im schlechtesten Fall hätte ein Anleger mit Aktien sogar noch mehr angespart als ein Anleger mit vermeintlich sicheren Zinspapieren. Mit Aktien kann die inflationsbereinigte Kaufkraft in die Zukunft transferiert werden. 


Apropos USA: Gern werden die angelsächsischen Länder und deren Aktienkultur als Vorbilder für Deutschland gesehen. Stimmen Sie zu?

Als gutes Beispiel können diese Länder dienen, mit dem Wort Vorbild bin ich etwas zurückhaltender. Eine Scheibe abschneiden können wir uns vom US-amerikanischen Modell, die Altersvorsorge etwas einfacher zu gestalten. Die Amerikaner haben spezielle Vorsorgekonten, die je nach Anlageneigung bestückt werden. Das ist weitaus praktikabler als unser System, das mehr auf Produkte ausgerichtet ist. Und einige der Produkte werden dann steuerlich subventioniert, während andere Produkte, die für manche Anlegergruppen geeigneter wären, ohne Subvention auskommen müssen. Um eine Parallele aufzuzeigen: Der Staat sollte die Infrastruktur für die Altersvorsorge bereitstellen, ähnlich wie es im Mobilitätsbereich geschieht. Der Staat baut die Autobahn, und die Privatwirtschaft baut die Automobile. Dann kann sich jeder das Automobil oder Transportmittel raussuchen, das zu ihm passt und mit dem er fahren möchte. Ähnlich könnte das auch bei der Altersvorsorge geregelt sein.  

"Internationalität, Regelmäßigkeit und Rentabilität – diese drei Punkte würde ich bei Investitionen für langfristige Sparvorgänge berücksichtigen.“"

Olaf Stotz, Professor für Asset Management und Pension Economics an der Frankfurt School of Finance & Management

Zurzeit beschäftigen der Handelskonflikt USA-China und eine mögliche Eintrübung der Konjunktur die Märkte. Sollte man angesichts solcher Großwetterlagen die eigene Anlagestrategie häufiger auf den Prüfstand stellen?

Tendenziell sind solche kurzfristigen Risiken wie der jetzige Handelskonflikt immer präsent. Es gibt zu jeder Zeit Dinge, die in den Medien große Aufmerksamkeit bekommen und als Risikofaktoren wahrgenommen werden – was oft zu irrationalem Handeln führt. Nehmen wir etwa das Beispiel 9/11 aus dem Jahr 2001. Im Nachgang zu den Anschlägen in den USA, bei denen Flugzeuge eingesetzt worden waren, wurde Fliegen als risikoreich wahrgenommen. Darum wurde weniger geflogen und mehr Auto gefahren. In der Folge sind dann aber mehr Unfälle mit Todesfällen im Straßenverkehr aufgetreten – deutlich mehr, als es bei der relativ sichereren Fortbewegung mit dem Flugzeug gewesen wären. Das Risiko, beim Reisen tödlich zu verunglücken, hatte sich in der Folge also nicht reduziert, sondern vergrößert. Im übertragenen Sinn heißt das: Wer eine langfristig ausgelegte Anlagestrategie verfolgt und jetzt zum Schluss käme, angesichts des Handelskonflikts radikal auf renditearme Anlagen umzuschwenken, würde möglicherweise gerade die falsche Entscheidung treffen. Denn aus dem Risiko des Handelskonflikts können auch Wachstumspotenziale entstehen. Wenn die USA und China sich noch schlechter verstehen sollten, vielleicht wächst dann der Handel zwischen Europa, China und Afrika schneller.

Ihr Credo also: Ruhe bewahren?

Ja. Ganz generell würde ich dazu raten, in reale Investments und regelmäßig zu investieren, also etwa einen Aktiensparplan zu nutzen. Zudem sollte man weltweit investieren und sich nicht nur auf eine Region fokussieren. Internationalität, Regelmäßigkeit und Rentabilität – diese drei Punkte würde ich bei Investitionen für langfristige Sparvorgänge berücksichtigen.

Langzeit-Renditevergleich: Aktien klar vorn

Grundlage sind die Renditedaten zu den drei Anlageklassen seit 1871, berechnet von Robert Shiller (Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften von 2013). Quelle: Frankfurt School of Finance & Management

Annahme: Ein Anleger hat monatlich 10 Dollar in die entsprechende Anlage investiert und schaut nach 50 oder 65 Jahren, auf welchen Betrag sich die Anlage entwickelt hat. Ergebnis: Selbst im schlechtesten Fall hätte ein Aktiensparplan Zins- und Goldanlagen klar geschlagen.


Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung.

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