Hund und Herrchen

Die Kolumne von Klaus Kaldemorgen für handelsblatt.com

Wenn die Unternehmensgewinne steigen, können Aktien nicht fallen! Ich war etwas verblüfft als mich ein alter Weggefährte sehr selbstsicher mit diesem Statement konfrontierte.

22.01.2018 / Natürlich ist es ein alter Hut, dass Aktienkurse längerfristig den Unternehmensgewinnen folgen. Aber schon Kostolany – Legende unter den Börsenspekulanten – wusste, das Gewinne und Aktienkurse sich bewegen wie der Hund und sein Herrchen respektive Frauchen. Einmal läuft der Hund voraus, das andere Mal hinterher. Wer hat also Recht, mein alter Weggefährte oder doch Kostolany?

7 aus 47

Lassen wir zunächst die Statistik sprechen: Wertet man die letzten 47 Jahre des amerikanischen Aktienmarktes aus, lässt sich festhalten, dass in diesem Zeitraum der Aktienmarkt das Jahr sieben Mal mit Verlusten schloss, obwohl die Gewinne der Unternehmen im jeweiligen Jahr teilweise kräftig stiegen. So geschehen z.B. im Jahr 2002, als die Unternehmensgewinne im Schnitt um 18,7 Prozent kletterten, der Aktienmarkt aber um 17,2 Prozent fiel. Damit können wir 2002 als klaren Punktsieg für Kostolany werten, auch wenn ein solches Ereignis wie beschrieben nur in 15 Prozent der Fälle in den letzten 47 Jahren zu beobachten war. Etwas häufiger, nämlich in 19 Prozent der Fälle war es der umgekehrte Fall: die Kurse stiegen, die Unternehmensgewinne aber waren rückläufig. Der Hund läuft also in der Tat mal vorneweg, mal hinterher – und in meistens schlicht nebenher. Also haben in der historischen Betrachtung beide Recht, mein alter Weggefährte und die Börsenlegende Kostolany. Interessant wird nun, wer in 2018 richtig liegen wird.

Risikofaktor Anleger

Da angesichts des starken Wirtschaftswachstums und der Steuersenkung in den USA die Gewinne mit ziemlicher Sicherheit steigen werden, ist nach der Statistik die Wahrscheinlichkeit für steigende Kurse in 2018 hoch. Der größte Risikofaktor für die Fortsetzung der Aktienhausse sind dabei die Investoren selber. Der Markt scheint sich immer mehr in die Gewinnspirale hineinzusteigern. Die seit Monaten nach oben revidierten Gewinnaussichten werden als Erwartungsgrundlage für die nächste Runde genommen. In all der Euphorie dürfen Investoren aber nicht aus den Augen verlieren, dass die Steuersenkung in den USA ein einmaliger Effekt ist.

Der Prozentsatz um den die Unternehmensgewinne in 2018 aufgrund der Steuersenkung steigen dürften, wird in den folgenden Jahren entfallen. Zudem muss man davon ausgehen, dass sich auch das Gewinnwachstum aus der normalen Geschäftstätigkeit aufgrund des hohen Basiseffektes in diesem Jahr abflachen dürfte. Da die Unternehmensgewinne und ihre Wachstumsrate in hohem Maße für die Bewertung am Aktienmarkt verantwortlich sind, könnte man z.B. aus einer Halbierung des Gewinnwachstums durchaus fallende Kurse aufgrund von Bewertungsabschlägen ableiten. Man kann dieses Phänomen sehr schön bei Rohstoffwerten beobachten. Deren Bewertung sinkt überproportional zur Gewinnsteigerung. Fazit: Auch ohne ein Rezessionsszenario sind fallende Aktienkurse möglich.

Steigende Zinsen und Renditen

Der zweite Risikofaktor ergibt sich aus den wieder steigenden Zinsen und Renditen, welche zumindest in den USA schon seit 2017 zu beobachten sind. Es gilt die einfache Regel, dass Bewertungen am Aktienmarkt fallen, wenn die Zinsen steigen. Den gegenläufigen, segensreichen Effekt von sinkenden Zinsen für die Aktienbewertung konnten wir während des letzten Jahrzehnts gut beobachten. Beide Effekte, nachlassendes Gewinnwachstum sowie steigende Zinsen könnten besonders den Höhenflug des bereits hochbewerteten amerikanischen Aktienmarktes in 2018 belasten. Warum beeindrucken dann aber ausgerechnet US Aktien durch zuletzt phänomenale Kursgewinne?

Tatsächlich lässt sich unter den US Investoren eine „Jetzt oder nie“ Mentalität beobachten. Man möchte die Party ungerne vorzeitig verlassen. Schaut man sich die Kursbewegungen der US Aktien an, sieht man, dass Aktien mit dem größten Gewinnmomentum, wie z.B. Technologiewerte oder Rohstoffunternehmen, die höchsten Kursgewinne vorweisen. Unternehmen mit mäßigen Gewinnwachstum, die Investoren dafür mit einer ordentlichen Dividende entschädigen, hinken hingegen hinterher: Über die letzten drei Monate stiegen Rohstoff- und Technologiewerte um fast 6 Prozent während Dividendenwerte um 0,7 Prozent stiegen (jeweils in Euro). Investoren kaufen die Fackeln die am hellsten brennen. Hoffentlich legen sie diese aus der Hand bevor sie sich die Finger verbrennen.

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