Von Aktien, Bitcoins und Wein

Die Kolumne von Klaus Kaldemorgen für handelsblatt.com

Etwas überspitzt lässt sich das Jahr an den Kapitalmärkten 2017 vielleicht als Sieg der virtuellen Welt über die reale Welt zusammenfassen.

25.12.2017 / Schmerzhaft war zunächst die ganz reale Erkenntnis, dass der US Dollar gegenüber dem Euro auch einmal fallen kann. Eigentlich war es ja abgemachte Sache, dass die Parität zum Euro in diesem Jahr erreicht wird, entsprechend einseitig war die Positionierung des Marktes zugunsten des Dollars. Stattdessen fiel der US Dollar im Jahresverlauf auf 1,20 je Euro. Ein Verlust von etwas mehr als 10 Prozent schlägt zu Buche. Nicht die Zinsdifferenz war für die Trendwende ausschlaggebend, sondern die steigenden Risiken zu Lasten der USA war für die Trendwende ausschlaggebend.

"Digital" siegt über "wertorientiert"

Die Zuversicht für Aktien hat sich hingegen mehr als ausgezahlt. Ein globaler Aktienindex konnte in Euro gut 9 Prozent zulegen. Die Eurozone zu bevorzugen war dabei richtig, allerdings aus den falschen Gründen. Während Aktien der Eurozone im Schnitt Kursgewinne von gut 11 Prozent erzielten, legte der US-Markt gewaltige 19 Prozent zu. Europäische Investoren müssen davon aber die Währungsverluste von über 10 Prozent abziehen. Die Vorliebe für konservative, wertorientierte Anlagestrategien hat in diesem Jahr mit etwa 5 Prozent einen passablen Wertzuwachs gebracht, wurde aber um das Fünffache von den sogenannten „digitalen Gewinnern“ übertroffen, die um etwa 25 Prozent zulegten. Marktführer wie Apple und Amazon legten jeweils um über 50 Prozent zu und sind damit mittlerweile höher bewertet als alle 30 Unternehmen im DAX zusammen. Der Sieg der virtuellen über die reale Welt lässt sich kaum besser belegen als durch den Vergleich von Apple mit General Electric. Der Mischkonzern, ehemals das wertvollste Unternehmen der Welt, ist heute 45 Prozent weniger wert als vor einem Jahr. Es bleibt noch nachzutragen, das sich auch zwei chinesische Internetunternehmen – Ali Baba und Tencent - im Kurs verdoppelt haben und damit nun weltweit zu den zehn wertvollsten Unternehmen gehören.

Derzeitige Stimmungslage ein Warnzeichen

Falsch lagen jene Strategen, die regelmäßig steigende Schwankungen (=Volatilität) der Aktienkurse postulieren. Noch nie in der jüngeren Geschichte waren diese Schwankungen so gering wie in 2017. Die Volatilität von US-Aktien fiel auf 9 Prozent, der langfristige Durchschnitt beträgt 15 Prozent. Es gab lediglich vier Tage in diesem Jahr, an denen der US-Aktienmarkt an einem Handelstag einen Verlust von mehr als 1 Prozent verzeichnete – das ist verblüffend. . Die hohe (Selbst-) Sicherheit die sich darin ausdrückt ist verblüffend. Glaubt man an die Börsenweisheit, dass eine Hausse in der Skepsis geboren wird und in der Euphorie stirbt, dann ist zumindest die derzeitige Stimmungslage der Investoren ein Warnzeichen. Man gewinnt den Eindruck, dass Anleger sich an steigende Kurse gewöhnt haben bzw. unter einer Amnesie potentieller Risiken leiden. Vielleicht hat sich aber auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass es eine Art von Generalamnestie für allfällige Risiken durch die Zentralbanken gibt. In den USA steigen mittlerweile die Kurse das sechste Jahr in Folge schneller als die Gewinne der Unternehmen, und dies trotz der Zinserhöhungen durch die amerikanische Notenbank.

Mario Draghi und die Weininflationsrate

Die Rentenmärkte in der Eurozone standen weiter im Schatten der Negativzinsen. Der deutsche Rentenindex REXP musste in diesem Jahr leichte Verluste einfahren. Immerhin konnten sich Anlagestrategien, die sich auf die europäische Peripherie konzentrierten, noch Renditen um die 1 Prozent erzielen. Deutlich mehr Prozente konnte in diesem Jahr Wein erzielen. Der sogenannte „Fine Wine“ Index stieg um etwas mehr als 5 Prozent. Vielleicht sollte EZB-Präsident Mario Draghi seine Geldpolitik in Zukunft stärker an der „Weininflationsrate“ ausrichten, dann klappt es auch wieder mit den Zinsen.

Tausche Bitcoin gegen Gold?

Das mag etwas realitätsfern sein, aber im Bereich der Kryptowährungen konnte 2017 beobachtet werden, wie stark die Zugkraft des Virtuellen im Gegensatz zum Realen sein kann: Bitcoin wurde in US Dollar um über 1600 Prozent höher gehandelt als vor einem Jahr. Fast wehmütig mag man sich da an den Goldrausch im nordamerikanischen Klondike im Jahre 1897 erinnern. Während die Bitcoin „Miner“ heute gepflegt am Pool ihren Geschäften nachgehen, machten sich damals mehr als 40.000 Abenteurer mit Hacke und Schaufel unter extremen Strapazen auf den Weg, um ihr Glück zu suchen und mit ihren Händen real zu erarbeiten. Gold ist immer noch selten und weiterhin nur unter hohen Kosten zu fördern. Trotzdem scheint Gold seine Faszination verloren zu haben. Der Preis in diesem Jahr blieb weitgehend unverändert. Vielleicht ist es trotzdem an der Zeit über einen Tausch von der virtuellen zurück in die reale Welt nachzudenken.

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