Warum der Euroraum wirtschaftlich ins Abseits gerät

Die Kolumne auf www.handelsblatt.com - von Klaus Kaldemorgen

Die Kapitalmärkte haben ihr Urteil bereits gefällt: Egal ob über ein, drei, fünf oder zehn Jahre – die Börsen im Euroraum haben sich teils deutlich schlechter entwickelt als globale Aktienindizes.

28.02.2019 / Dies gilt auch für das wichtigste deutsche Kursbarometer, den Dax. Auch gemessen an der Währung, die gemeinhin als Indikator für wirtschaftliche Stärke betrachtet wird, fällt das Urteil ernüchternd aus. Über zehn Jahre, also seit der Finanzkrise 2008, hat der Euro gegenüber dem Dollar knapp 30 Prozent an Wert eingebüßt. Darin spiegelt sich unter anderem wider, dass das Wachstum 2018 im Euroraum mit 1,3 Prozent gerade einmal halb so hoch war wie in den USA. Für 2019 sieht es nicht viel besser aus. Dabei gehören Deutschland und Italien zu den Schlusslichtern im gemeinsamen Währungsgebiet.

Einigkeit über Uneinigkeit

Die Probleme des Euroraums lassen sich sowohl im politischen als auch wirtschaftlichen Umfeld verorten – mit entsprechenden Wechselwirkungen. Der legendäre Hedgefondsmanager George Soros sieht Europa vor diesem Hintergrund auf dem Weg Richtung Untergang. Auch wenn man ihm durchaus eine eigennützige Agenda unterstellen darf, so ist seine Beschreibung des alten Kontinents doch sicher ein Grund dafür, dass Europa im Augenblick höchst unattraktiv auf ausländische Kapitalgeber wirkt. Einigkeit besteht lediglich in der Uneinigkeit. Statt die Basis für zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen, werden bestehende Strukturen zementiert. Bestandsschutz geht vor Veränderung. In Deutschland wird bereits verteilt, was noch gar nicht erwirtschaftet ist. In Frankreich werden Reformen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit blockiert, und das Land wird anfällig für populistische Strömungen. Italien versucht von einer ineffizienten Administration abzulenken, indem es mit unproduktiven Steuergeschenken die höchsten Defizite Europas auftürmt. Auch der Brexit festigt letztlich den Eindruck, dass Europa nicht mehr zur Kooperation fähig ist. Dabei wäre das die Mindestvoraussetzung, um dem wirtschaftlichen Wettbewerbsdruck aus den USA und aus Asien etwas entgegenzusetzen.

Europa und USA – David gegen Goliath?

Zu den politischen Defiziten gesellt sich eine wirtschaftliche Struktur, die der fortschreitenden digitalen Ökonomie nicht gewachsen ist. Schon ein Blick auf die relevanten Aktienindizes zeigt das krasse Missverhältnis. Während die Technologiewerte in den USA etwa 20 Prozent des Aktienmarkts repräsentieren, sind es in Europa gerade einmal fünf Prozent. Die großen Internetplattformen wie Amazon, Alibaba, Google oder Facebook sind dabei noch nicht einmal mitgezählt, da sie mittlerweile anderen Sektoren zugeordnet sind. Der Vorsprung, den sich diese Unternehmen im Netz gesichert haben, dürfte aus europäischer Sicht nicht mehr aufzuholen sein. Auch die noch nicht gelisteten innovativen Plattformen wie Uber und Airbnb kommen aus den USA und nicht aus Europa.

Auch in eher traditionellen Branchen zeigt sich die mangelnde Anpassungsfähigkeit europäischer Unternehmen. Deutschland rühmt sich, die besten Autos der Welt zu bauen. Dabei ist ein zukunftsweisendes US-Unternehmen wie Tesla an der Börse mittlerweile mehr wert als BMW – obwohl es im Vergleich nur einen Bruchteil der Fahrzeuge produziert. Waymo, eine Tochter der Google-Holding Alphabet, investiert Milliarden in die Entwicklung selbstfahrender Autos. Deutschland hat auch einmal die besten Schreibmaschinen produziert, bis neue Technologien die Gerätegattung vom Markt gefegt haben. Die vergangene Woche in Deutschland geschaltete Anzeige eines chinesischen Autoherstellers mag provokant klingen, bringt es aber auf den Punkt: „Liebe Autoindustrie, wie soll ich es sagen? Zwischen uns ist es nicht mehr wie es war. Du bist irgendwann einfach stehen geblieben.“ Und sollte es Europa verschlafen, der Dominanz Asiens in der Batterietechnologie etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen, wird auch dieser Wachstumsmarkt ähnlich wie die Flachbildschirmproduktion wohl verlorengehen.

Digitalisierung nicht erkannt

Auch die Finanzbranche hat sich zu lange auf ihre traditionellen Geschäftsfelder konzentriert und die Wachstumschancen durch die Digitalisierung nicht erkannt. Vielleicht hatte sie aber auch nicht den Mut oder das Kapital, dort stärker zu investieren. Stark fragmentierte Märkte in Europa waren hier genauso hinderlich wie der Wunsch nach nationalen statt europäischen Champions. Im Euroraum konnte sich so kein globales Kartensystem wie beispielsweise Visa oder Mastercard etablieren. Auch Zahlungsdienstleister wie Paypal, ein Unternehmen mit einem Marktwert von 100 Milliarden Euro, findet man nicht. Ein Vertreter der Deutschen Bundesbank rief jüngst in einem Vortrag zu einem Schulterschluss der europäischen Finanzindustrie auf, um im Zahlungsverkehr wieder eigenständiger zu werden. Allerdings sieht es eher danach aus, dass ein Schulterschluss eher mit Apple, Amazon und Co. gelingen wird.

Um es auf den Punkt zu bringen: Europa und der Euroraum müssen innovationsfreudiger werden. Steuergelder sollten im Zweifel nicht ausgegeben werden, um bestehende wirtschaftliche Strukturen zu schützen, sondern um zukunftsträchtige Industrien und Unternehmen zu fördern. Dabei wird es kein Land in Europa aus eigener Kraft schaffen, dem digitalen Innovationsdruck gerade aus den USA und zunehmend auch aus Asien standzuhalten. Kooperationen müssen auf europäischer Ebene ermöglicht werden. Industriepolitik muss europäisch koordiniert werden, auch wenn dies das Bohren dicker Bretter erfordert. Dass dies möglich ist, zeigt die Erfolgsgeschichte von Airbus.

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