Welcher Index darf's sein?

Die Kolumne auf www.handelsblatt.com - von Klaus Kaldemorgen

Sie kennen das vielleicht, man sitzt mit Freunden beim Italiener und denkt sich: Pasta geht eigentlich immer, dieses Mal vielleicht eine Carbonara. Was der Kellner dann serviert, hat aber wenig mit Spaghetti zu tun.

03.08.2018 / Sie kennen das vielleicht, man sitzt mit Freunden beim Italiener und denkt sich: Pasta geht eigentlich immer, dieses Mal vielleicht eine Carbonara. Was der Kellner dann serviert, hat aber wenig mit Spaghetti zu tun, die sanft von einer Mischung aus Ei und Parmesan umschmeichelt werden und ihren Drive von ausgebratenem Pancetta bekommen. Vielmehr schwimmen die Nudeln in einer üppig portionierten Sahnesoße und für die Würze soll Vorderkochschinken sorgen. Heißt zwar auch Carbonara, hat mit dem Original aber wenig zu tun. Ähnliche Erfahrungen konnten Anleger machen, die in Chinas Wachstums-Story investieren wollten.

Wie beim Essen: Die Zutaten machen das Gericht aus

Ein möglicher Zugang zum Aktienmarkt der mittlerweile zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sind ETFs, also Fonds, die passiv einen Index abbilden. Dabei stehen mindestens sechs relevante Kursbarometer zur Verfügung. Auf allen steht zwar „China“, die Ergebnisse sind aber höchst unterschiedlich. So hat etwa der CSI 300 in den vergangenen drei Jahren mehr als 10% verloren (in USD, per Ende Juli), für den Schanghai Composite ging es hingegen mehr als doppelt so stark nach unten. Und das bei jährlichen Wachstumsraten der chinesischen Volkswirtschaft von über 6%. Die Gründe für die unterschiedliche Wertentwicklung sind vielfältig: So enthält der Shanghai Composite sowohl die in Renminbi gehandelten A-, als auch die in ausländischer Währung gehandelten B-Aktien aller knapp 1500 Unternehmen an der Schanghaier Börse. Der CSI 300 besteht hingegen lediglich aus 300 Unternehmen, die in Schanghai und Shenzhen gehandelt werden, und setzt sich ausschließlich aus A-Aktien zusammen. Wie beim Essen machen also auch hier die Zutaten das Gericht aus. Dass Indizes nicht unbedingt die volkswirtschaftliche Entwicklung eines Landes widerspiegeln, ist dabei beileibe kein chinesisches Phänomen. Vergleicht man über einen Zeitraum von 1930 bis 2017 hinweg beispielsweise den S&P 500 und das Bruttoinlandsprodukt der USA, so zeigt sich: Nur in 60% der Jahre, in denen die Wirtschaftsleistung angezogen hat, ist es auch für das Kursbarometer nach oben gegangen. Betrachtet man den Index und die Wirtschaftsleistung des Folgejahres - denn die Börse nimmt realwirtschaftliche Entwicklungen vorweg - steigt der Wert zwar noch etwas, kommt allerdings auch dann nur auf 68%.

US-Aktien und Butter aus Bangladesch

Den höchsten Gleichlauf mit dem S&P 500 weist einer Untersuchung von David Leinweber vom Lawrence Berkeley National Laboratory zufolge übrigens die Butterproduktion in Bangladesch auf. Auch ist die Zusammensetzung von Indizes nicht in Stein gemeißelt. Vielmehr sind sie zumeist nach dem Kriterium der Marktkapitalisierung konstruiert und gleichen somit atmenden Organismen. Im Dax beispielsweise kam die Deutsche Telekom zu einem Indexgewicht von über 20%, nachdem der Bund in drei Runden den Großteil des ehemaligen Staatsunternehmens an die Börse gebracht hatte. Der Dax glich damit mehr einem Telekommunikationsindex als einem Querschnitt durch die deutsche Volkswirtschaft. Eine Diversifikation von Risiken ist bei einer solchen Zusammensetzung kaum noch gegeben.

"Man kann nicht nicht aktiv investieren."

Das wurde auch dem Dax-Anbieter Deutsche Börse klar, der zunächst eine Kappungsgrenze von 15% und anschließend von 10% einführte – und damit den Charakter des Index abermals veränderte. Ähnliche „Bedeutungsverschiebungen“ ließen sich auch auf Sektorebene beobachten. So ist beispielsweise seit dem Jahr 2003 das Gewicht der Pharma- und Gesundheitswerte, auch durch Umgruppierungen des Indexanbieters, um 10 Prozentpunkte auf 14,1% gestiegen. Umgekehrt verringerte sich in diesem Zeitraum der Anteil der Versorgeraktien auf 3,1% von 12,4%. Und auch hinsichtlich der Unternehmensgröße trifft der passive Investor eine häufig nicht wahrgenommene Anlageentscheidung. Denn ganz überwiegend werden ETFs auf Standardwerteindizes angeboten, weshalb Investoren nicht von dem oftmals überlegenen Rendite-Risiko-Profil von Nebenwerten profitieren können. „Man kann nicht nicht kommunizieren“, formulierten einstmals Paul Watzlawick, Janet Beavin und Don Jackson den ersten der fünf Grundsätze ihrer Kommunikationstheorie. Mit Blick auf die Vielzahl der Indizes und die die damit verbundene Qual der Wahl müsste man also eigentlich sagen: „Man kann nicht nicht aktiv investieren“.

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